Streuobstwiesen

Hildesheimer Goldrenette, Freiherr von Berlepsch und der Urapfel – bei Edith Haupt im Leinebergland wachsen Äpfel, die kaum jemand kennt

Brüggen / Kreis Hildesheim - Wer Saft, Marmelade oder Gelee im Supermarkt kauft, weiß in der Regel nicht, wo das Obst gewachsen ist. Im Kreis Hildesheim gibt es rund 400 Streuobstwiesen mit Tausenden Bäumen, deren Früchte jährlich in Flasche oder Glas fließen. Wie bei Edith Haupt, die rund 200 Obstbäume im Leinebergland hegt und pflegt.

Für Edith Haupt beginnt gerade die arbeitsintensivste Zeit des Jahres. Auf ihrer Streuobstwiese stehen rund 200 Obstbäume, von denen die meisten jetzt abgeerntet werden müssen. Foto: Chris Gossmann

Brüggen / Kreis Hildesheim - Ganz versteckt hinter Büschen und Bäumen, mitten in der Feldmark bei Brüggen, versteckt sich Edith Haupts Paradies. Rund 200 Bäume hegt und pflegt sie dort auf ihrer Streuobstwiese. Die meisten davon sind Apfelbäume, aber auch Quitten, Birnen und Sanddorn erntet die Eddinghäuserin auf dem etwa einen Hektar großen Areal. Edith Haupt gehört zum Arbeitskreis Hildesheimer Streuobstwiesen. Seit 35 Jahren haben die dort engagierten Frauen und Männer vor allen Dingen ein gemeinsames Ziel: den Erhalt alter, oftmals schon vergessener Obstsorten.

Die meiste Zeit im Jahr verbringt Edith Haupt in ihrer Zweitküche in ihrem Eigenheim in Eddinghausen. In Ediths feiner Hexenküche kocht sie Marmeladen, Gelees, Liköre und Säfte ein, bereitet Kräutersalze und Chutneys zu. Was ihr dabei immer am Herzen liegt: die frisch geernteten Produkte aus der Region, ob aus ihrem Garten, von Freunden und Bekannten oder eben von ihrer Streuobstwiese. 2008 hat sie das Gelände erstmals von Freiherr von Cramm gepachtet, inzwischen ist der Vertrag verlängert. Zum einen benötigt sie das Obst für die Produkte, die sie unter anderem in der Hildesheimer Touristinformation, in mehreren Supermärkten im Kreis und auf diversen Märkten (am 20. September auch wieder auf dem Bauernmarkt in Hildesheim) anbietet. Zum anderen sind die Obstbäume aber auch längst eine Leidenschaft geworden. „Ich mache den Baumschnitt selbst, und sogar die Veredelung übernehme ich inzwischen“, sagt Haupt. Etwa 150 verschiedene Sorten wachsen auf ihrer Streuobstwiese.

Alte Sorten bewahren

Immer wieder steht ihr dabei auch Klaus Heisig, ein Mitstreiter des Arbeitskreises, mit Rat und Tat zur Seite. Der ehemalige Lehrer der Hildesheimer Waldorfschule ist Fachmann in Sachen Obstbäume. Und wie Edith Haupt ist es ihm ein Anliegen, die ganz alten Sorten zu bewahren. „Die Streuobstwiesen sind so etwas wie ein Reservoir für Biodiversität“, sagt er. In den meisten Supermärkten gebe es gerade mal fünf oder sechs Sorten zu kaufen, und die großen Plantagen würden sich aus wirtschaftlichen Gründen meist nur auf diese wenigen Sorten konzentrieren.

Auf der Brüggener Streuobstwiese wachsen unter anderem Dülmener Rosenapfel, Moringer Rosenapfel, Gravensteiner, Celler Dickstiel, Kaiser Wilhelm Apfel, Hildesheimer Goldrenette, Schöner aus Boskoop, Freiherr von Berlepsch, Danziger Kantapfel, Topaz, der Cludius Herbstapfel. Und der sogenannte Urapfel. „Den gab es schon bei den alten Römern“, weiß Edith Haupt. Nur kenne ihn heute kaum noch jemand, geschweige denn, dass er sich irgendwo kaufen lasse. Bei Edith Haupt hat sich der Urapfel zu einem stattlichen Baum entwickelt. Wobei, Baum trifft es eigentlich nicht genau. Er wirkt eher wie ein riesiger Busch. „Weil ich ihn einfach wachsen lasse“, erklärt sie. Den üblichen Erziehungsschnitt hat der Urapfel nie bekommen. Dennoch belohnt er seine Besitzerin mit üppiger Ernte: Bis Februar etwa können die auffallend kleinen Früchte am Baum bleiben, bevor sie geerntet werden.

In diesem Jahr zeichnet sich der Urapfel noch durch etwas anderes aus. Viele der Obstbäume sind kräftig befallen von der Apfelgespinstmotte. Die nistet sich in den Bäumen ein und ihre Larven fressen ganze Bäume kahl. Edith Haupt zeigt auf mehrere Apfelbäume, einige haben kahle Äste, andere sind quasi komplett leer: Nicht ein einziger Apfel ist an den Zweigen zu entdecken. Den Urapfel hingegen scheint die fiese Motte nicht zu mögen. „Das ist schon auffällig“, sagt Edith Haupt.

Rund 400 Wiesen in der Region

Neben Edith Haupt gibt es etliche weitere Streuobstwiesen-Besitzer im Kreis Hildesheim. Auf rund 400 schätzt der Arbeitskreis die Anzahl der Streuobstwiesen im Kreis Hildesheim. Davon werden einige privat betrieben, wie die von Edith Haupt. Hinter vielen stehen aber auch Vereine und Initiativen. Am Nussberg in Sehlem ist beispielsweise die NABU-Jugend Lamspringe für eine Wiese verantwortlich, zwischen Leine und Laake in Gronau betreut die BUND-Ortsgruppe Hildesheim ein Areal, das Schulbiologiezentrum in Ochtersum hat eine Streuobstwiese, der Kleingartenverein „Gartenfreunde Berggarten e.V.“ am Moritzberg und die Paul-Feindt-Stiftung beim Waldfrieden in Groß Düngen, die vermutlich auch die älteste in der Region ist – und die Liste ist noch deutlich länger. Auf seiner Webseite weist der Arbeitskreis auf zahlreiche Projekte hin. Viele davon sind einmal im Jahr für die Öffentlichkeit zugänglich, nämlich an den Streuobstwiesentagen, die in diesem Jahr rund um den 3. Oktober stattfinden.

Auf den Streuobstwiesen darf man sich also nicht so einfach die Körbe vollpflücken. Edith Haupt erinnert aber daran, dass es im Landkreis in vielen Kommunen an zahlreichen Straßen Obstbäume gibt, von denen sich jeder bedienen kann. Zum Beispiel auch an ihrem Heimatort Eddinghausen. Und von dem Angebot würden viele Gebrauch machen. „Die Birnenbäume dort sind ruckzuck abgepflückt“, weiß Haupt. Und sie ahnt auch, warum. „Weil vielen Menschen die Produkte aus der Region wichtig sind.“ Viele Kommunen würden darüber Auskunft geben können, wo kostenlos Obst gepflückt werden kann.

  • LeineBL
  • Region
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.