Alfeld - „Was soll ich dazu sagen? Hier ist doch nichts mehr los!“ Solche Kommentare hört und liest man häufig, wenn es um die Alfelder Innenstadt geht. Macht man sich indes als Sarstedter auf den Weg durch die Fußgängerzone der mittlerweile ja etwas kleineren Leinestadt, kann man nur staunen, an was für Geschäften man immer noch vorbeikommt. Ein Bäckerei-Café hier, ein Süßes Kaufhaus da, Rossmann dort, bald auch noch dm, und dann auf mehrere Gebäude verteilt das Modehaus Magnus mit verschiedenen Spezialgeschäften. Weiter oben Richtung Marktplatz findet sich obendrein eine Thalia-Buchhandlung. Es sind also einige Geschäfte dabei, die man in Städten vergleichbarer Dimension, die näher an Großstädten liegen, längst nicht mehr finden würde.
Fliehkräfte weg vom Zentrum
Doch es ist keine Frage: Auch in Alfelds Innenstadt war schon mal mehr los. Gab es mehr inhabergeführte Einzelhandelsgeschäfte, dafür weniger Leerstände. Sieht der neugierige Passant Häuser, die schon längst einmal hätten saniert oder wenigstens renoviert werden sollen. Kann das hübsche Bächlein, das vom Marktplatz herunterplätschert, nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der Fußgängerzone an Fußgängern mangelt und damit vielen Geschäften an Kunden. Und nun steht auch noch die Volksbank vor dem Wegzug aus dem unmittelbaren Zentrum. Zudem verstärken seit kurzem Rewe und Subway im alten Kaiserhof die Fliehkräfte weg vom Zentrum.
Doch zugleich ist Alfeld fast schon ein Labor. Ein Ort, an dem ausprobiert werden soll, wie die Innenstadt der Zukunft in einer Kleinstadt aussehen könnte. Ganz anders als vor einigen Jahrzehnten, anders auch als jetzt. Mit neuen Ideen, frischem Geld – und dem Abschied von dem Gedanken, die Zeit ließe sich zurückdrehen. Wird das besser oder schlechter? Das wird sich wohl erst in einigen Jahren zeigen. Sicher ist: Es tut sich was.
Nicht nur auf Handel setzen
Einer, der besonders kräftig mittut, ist Lars Rogge. Der Unternehmer ist nicht nur Vorsitzender der Standortgemeinschaft Alfeld, sondern auch selbst Eigentümer mehrerer Immobilien im Stadtzentrum. Gerade in den vergangenen Jahren hat er einige dazugekauft, darunter das bisherige Volksbank-Gebäude. „Die Leute denken oft daran, wie es vor 30 Jahren war, und nehmen das als Idealbild“, hat er festgestellt. „Vielleicht muss das Vorbild eher sein, wie es vor 100 Jahren war, mit einem Mix aus Einzelhandel, Handwerk, Dienstleistung – und eben viel Wohnen. Nur kann sich daran natürlich niemand erinnern.“
Für Rogge ist klar: Das verzweifelte Klammern an den Einzelhandel bringt Alfeld nicht weiter und andere Kleinstädte auch nicht. Die Konkurrenz durch das Internet und durch große Fachmärkte und Einkaufszentren in benachbarten Städten wirkt sich auch hier aus. Andere Nutzungen seien ebenso wichtig, sagt Rogge deshalb. Und denkt dabei unter anderem an Dienstleister. Tatsächlich finden sich im Alfelder Stadtzentrum immer mehr Versicherungsbüros oder Räume von Pflegediensten. Auch Gastronomie sei bedeutsam, um Menschen in die Stadt zu holen – aber unabhängig von Stadt und Standort schwierig: „Wer macht sich denn heute noch als Gastronom selbstständig?“ Ein weiterer Aspekt, der Alfelds Einzelhandel drückt: Die Stadt hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnte Tausende Einwohner verloren – und ihre Kaufkraft.
Wieder im Zentrum wohnen
Womöglich noch wichtiger findet Rogge auch deshalb etwas ganz anderes: Wohnraum. „In Innenstädten wie in Alfeld stehen mehr Wohnungen als Ladengeschäfte leer, das sieht man nur nicht so“, ist er überzeugt. Über Jahrzehnte hätten Eigentümer vor allem in die lukrativen Ladenräume im Erdgeschoss investiert. Die Wohnungen darüber entsprächen oft nicht heutigen Standards. So fänden sich nur wenige Mieter, und die meisten von diesen strebten vor allem nach günstigem Wohnraum. „Dabei ist es immer besser, wenn es eine soziale Durchmischung gibt.“
Wohnraum zu modernisieren, sei in einer engen, verbauten Innenstadt mit vielen Gebäuden unter Denkmalschutz natürlich gar nicht so einfach. „Dennoch bin ich überzeugt, dass das ein wichtiger und richtiger Weg ist“, sagt Rogge. Wenn mehr Menschen im Stadtzentrum wohnten, herrsche dort automatisch auch mehr Leben. „Und zugleich sinkt der Druck, auf der grünen Wiese neu zu bauen, was ja mit Blick auf Umwelt und Klima auch sinnvoll wäre.“
Politik schaut lange zu
Helfen soll dabei ein Programm, das Bürgermeister Bernd Beushausen als „vielleicht sogar letzte Chance für die Alfelder Innenstadt“ bezeichnet: das Städtebauförderprogramm. Alfeld ist als eine von nur drei Städten in Niedersachsen neu aufgenommen worden. Dabei werden öffentliche wie auch private Investitionen unter bestimmten Bedingungen von Bund und Land unterstützt. Grundsätzlich stehen 10 Millionen Euro über zehn Jahre bereit – finanziert je zu einem Drittel von Bund, Land und Stadt. „Man rechnet allgemein, dass 1 Euro Fördergeld 5 Euro an Investitionen auslöst“, sagt Beushausen. Ginge diese Rechnung auf, wären das 50 Millionen Euro in zehn Jahren. „Damit lässt sich schon was bewegen“, so Beushausen. Er hoffe vor allem auf eine Verbesserung des Straßenbildes. Etwa durch Sanierung von Fassaden, aber auch durch Projekte wie ein Gründach vor der alten Volksbank. „Die Aufenthaltsqualität steigern“, nennt Beushausen das.
Dass die Alfelder Stadtpolitik sich hinter das Vorhaben gestellt hat, sieht Lars Rogge positiv. Und spricht einen weiteren Aspekt an, der in den vergangenen Jahrzehnten die Entwicklung der Zentren von Kleinstädten zusätzlich beeinträchtigt haben könnte: „Die Kommunalpolitik hatte das Thema lange kaum im Fokus, hielt den Handel in der Innenstadt für einen Selbstläufer“, sagt der Unternehmer. „Und kaum ein Ratsmitglied wohnt selbst im Stadtkern.“
Spannende Jahrzehnte
Rat und Verwaltung seien aber wichtig, um gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Er spricht dabei von Alfeld, könnte aber auch jede andere Kleinstadt in der Region meinen. Gerade nach der Gebietsreform 1974 bekamen Stadt- und Ortsteile in den Stadträten ein deutliches Übergewicht, zum Teil verschoben sich damit auch die Prioritäten.
Nun verschieben sie sich erneut. Und man darf gespannt sein, wie Alfelds Innenstadt in zehn Jahren aussieht. Oder in 30. Und ob der Laborversuch zum Erfolg wird und auch Vorbild für andere werden kann – oder ob er in die Sackgasse führt.
Das bietet Alfelds Innenstadt
Zwischen Sappi-Kreisel, Wallanlagen und Marktplatz erstreckt sich der historische Stadtkern von Alfeld. Mehrere Straßen sind hier als Fußgängerzonen ausgewiesen. was ist dort zu finden?
Parken: Kostenfreie Parkplätze finden sich auf dem geräumigen Parkplatz an der Seminarstraße oberhalb des Rathauses. Parkflächen gibt es zudem bei Kaufland sowie im Bereich der Winzenburger Straße. Vom Bahnhof bis zum Marktplatz ist es einen knappen Kilometer zu Fuß.
Wochenmarkt: Zweimal in der Woche bauen die Markthändler ihre Stände auf dem Alfelder Marktplatz auf: am Mittwoch und am Samstag jeweils in der Zeit von 8 bis 13 Uhr. Der Wochenmarkt führt zu einer spürbaren Belebung der Innenstadt.
Geschäfte: Für eine Stadt dieser Größe ist die auswahl relativ groß – sowohl durch Ketten wie Rossmann, Thalia und das Süße Kaufhaus als auch durch inhabergeführte Fachgeschäfte wie die Modeläden von Magnus.
Gastronomie: Vom klassischen türkischen Schnellimbiss über eine Pizzeria und ein Asia-Bistro bis hin zu klassischen Restaurants wie dem „Olympia“ gibt es einige Auswahl. Kneipen-Fans dürften sich für „Stefans Haifischbar“ nahe dem Rathaus interessieren.
Besonderheiten: Der Alfelder Marktplatz mit dem markanten Rathaus, der St.-Nicolai-Kirche sowie dem Wasserspiel und dem Bachlauf hinunter zur Leinstraße ist pittoresk. Ein absoluter Blickfang ist die alte Lateinschule, die vom Marktplatz aus gleich hinter dem Rathaus liegt. Eine Besonderheit ist das wiedereröffnete Stadtkino an der Holzer Straße. Der Ring von Wallanlagen um die Innenstadt herum lädt zum Spazieren ein.
Ärztliche Versorgung: Eine Hausarztpraxis gibt es direkt im Stadtzentrum, ebenso eine Apotheke.



