Alfeld - Die Beete sind leer, viele Pflanzen stehen dicht an dicht zusammengerückt, ein Teil überwintert geschützt in Halle und Gewächshaus. Um die empfindlichen Wurzeln vor der Kälte zu schützen, sind viele Töpfe mit Vlies umwickelt. „Im Moment sieht man draußen nicht viel“, sagt Sabine Möllers. Sie führt in Gerzen bei Alfeld die Baumschule Kluge und hat gerade erst ihre Winterpause beendet. Für sie ist es die Ruhe vor dem Sturm. Denn bald schon kommt der März, spätestens dann denken die Kunden wieder an Gartenarbeit und fangen an zu planen. Doch so lange Schnee liegt, ist der Gedanke an sprießendes Grün weit weg. Noch bleibt Möllers also genug Zeit, um alles wieder an Ort und Stelle zu räumen auf dem Gelände des alteingesessenen Familienbetriebs.
Dass Möllers sich gerade jetzt Zeit für ein Gespräch nimmt, hat einen Anlass: In Niedersachsen nimmt die Zahl der Baumschulen seit Jahren ab – das Landesamt für Statistik hat die Entwicklung in seiner Baumschulerhebung dokumentiert. Im Jahr 2025 produzierten in Niedersachsen 346 Betriebe auf einer Grundfläche von 4.060 Hektar Baumschulware. 2021 waren noch 399 Baumschulen auf 4.794 Hektar Grundfläche tätig. Damit ist die Zahl dieser Betriebe um 13 Prozent und die bewirtschaftete Baumschulfläche um 15 Prozent gesunken. Im Raum Hildesheim verzeichnet die Behörde drei aktive Betriebe mit mindestens 0,5 Hektar Baumschulfläche – und damit einen Betrieb weniger als noch vor fünf Jahren. Um welche Betriebe es sich handelt, verrät das Statistikamt aus Datenschutzgründen nicht.
Bürokratie macht es auch den Baumschulen schwer
Wo die Gründe für diese Entwicklung liegen dürften, kann Möllers klar benennen. In der näheren Umgebung gebe es vor allem kleine, inhabergeführte Baumschulen – wie ihre eigene: 1949 von ihrem Großvater gegründet, beschäftigt das Unternehmen auch heute nur sechs Mitarbeitende, darunter Teilzeitkräfte. Sie kümmern sich um eine locker fünfstellige Zahl an Pflanzen. Bäume, Sträucher, Stauden, Rosen, Obstgehölze und Beerensträucher – der Betrieb kauft sie als junge Topfpflanzen zu und zieht sie dann bis zur Verkaufsreife heran. Die Kunden kämen auch aus dem Harz zu ihr gefahren, weil es dort kaum Baumschulen gebe, gibt Möllers an.
Doch: „Wenn man vieles allein stemmen muss, bleibt kaum noch Zeit für den eigentlichen Beruf“, berichtet sie. Der bürokratische Aufwand nehme auch in ihrer Branche immer weiter zu: die Registrierung aller Verpackungen sowie regelmäßige Kontrollen und Aufzeichnungspflichten durch das Pflanzenschutzamt gehören dazu – „und ab 2027 soll das alles auch noch digital auslesbar sein“. Dadurch fühlten sich viele Kleinbetriebe überfordert. Auch die Suche nach Betriebsnachfolgern gestalte sich schwierig: „Pflanzen sind ja Lebewesen – man muss sich also auch am Wochenende um sie kümmern“, sagt Möllers. Das passe vielen nicht mehr ins Lebensmodell.
Die Kunden kommen gut vorbereitet
Was aber ginge verloren, wenn immer mehr Baumschulen wegbrechen? Vor allem Sortiment und Beratung. Große Bäume bekomme man schließlich normalerweise nicht mal eben im Baumarkt. Möllers trifft eine Vorauswahl: „Wir kaufen nichts, was bei uns nicht wächst“, erklärt sie. Aus dem Bestand, der sich so ergibt, kann sie schöpfen, wenn sie individuelle Pflanzpläne für die Grundstücke der Kunden erstellt. Die Nachfrage nach Beratung nämlich ist keineswegs verschwunden – im Gegenteil: „Die Kunden kommen heute oft gut vorinformiert“, berichtet Möllers. Fotos, Skizzen oder Grundrisse werden auf dem Tablet mitgebracht. Zuerst geht es dann um grundsätzliche Fragen: Wie soll der Garten genutzt werden? Gibt es Kinder? Wird Schatten gebraucht? Wie viel Pflege ist machbar?
Welche Pflanzen Möllers einer kleinen Familie mit kleinem Grundstück und überschaubaren Kapazitäten für die Gartenarbeit empfehlen würde? Für dieses Szenario hat die Fachfrau sofort einige Tipps parat. Vor allem Planung sei in kleinen Gärten entscheidend. Locker wachsende Sträucherhecken benötigen viel Platz in der Tiefe, geschnittene Hecken dagegen mehr Pflege. Bäume, lange Zeit wegen des Laubs unbeliebt, erleben eine Rückkehr. „Durch die heißen Sommer merken viele erst, wie wertvoll Schatten ist“, sagt Möllers. Für kleine Grundstücke eignen sich klein bleibende oder kugelförmige Bäume wie Kugelahorn oder Kugelakazie, die wenig geschnitten werden müssen. Auch Obstbäume sind wieder gefragt. Der klassische Apfelbaum zum Beispiel könnte passen – der spende Schatten und liefere Obst zum Naschen gleich mit.
Auch der Klimawandel beeinflusst die Nachfrage
Deutlich spürbar ist beim Nachfrage-Trend inzwischen der Einfluss des Klimawandels. Pflanzen, die Trockenheit gut vertragen, finden inzwischen deutlich stärkeren Absatz, klassische Bauernhortensien oder Rhododendren dagegen haben viele Gartenfreunde inzwischen abgeschrieben, weil sie viel Wasser brauchen. Und noch weitere Umweltaspekte spielen eine Rolle: Insektenfreundliche Stauden, heimische Gehölze und mehrjährige Pflanzen ersetzen zunehmend reine Sommerbepflanzungen.
Der Kundenstamm? Der sei bunt gemischt. Im Lauf der Jahre sei er zwar kleiner geworden – doch in den Umsätzen spiegelt sich das nicht unbedingt wider: „Die Leute, die kommen, sind heute bereit, mehr Geld auszugeben“, sagt die Baumschul-Chefin. Viele investieren sehr gezielt. Die Preise für einen einzelnen Baum bewegen sich etwa im Spektrum zwischen 40 und 400 Euro. Wer gleich einen ganzen Garten mit Pflanzen bestücken möchte, kann bei kleinem Budget ab etwa 1.000 Euro fündig werden – nach oben offen. Teurer wird es freilich für jene, die sich die Pflanzen vom Baumschulteam auch liefern und pflanzen lassen. Wenn die Temperaturen erst wieder steigen, erwartet Möllers, geht es für sie und ihre Mitarbeiter auch damit wieder richtig los.
