Aus Alfeld ins Oberhaus

Der stille Aufstieg der Karla Brinkmann in die Bundesliga

Alfeld/Wolfsburg - Die Alfelderin Karla Brinkmann hat nahezu die gesamte Jugendzeit bei der SV Alfeld gespielt – und steht inzwischen beim VfL Wolfsburg unter Vertrag.

Immer bescheiden und ein Lächeln auf den Lippen: Karla Brinkmann ist sich trotz des Sprungs in die Bundesliga treu geblieben. Foto: David Paasche

Alfeld/Wolfsburg - Als der Applaus aufbrandet, steht Karla Brinkmann im Mittelpunkt – und zeigt, dass man auch ohne große Worte Eindruck hinterlassen kann. Drei Trainingsbälle und ein symbolischer Scheck in Höhe von 4.200 Euro werden ihr – stellvertretend für die SV Alfeld – überreicht. Sie bedankt sich zurückhaltend. Kein Trikot, kein Blumenstrauß – aber ehrlicher Applaus und echte Anerkennung. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen sich der Kreis schließt: Die SV Alfeld ehrt eine Spielerin, die rund um das Hindenburgstadion aufgewachsen ist – und heute beim VfL Wolfsburg unter Vertrag steht.

Bundesligadebüt in Nürnberg

Mark Braun, ihr früherer Trainer und wichtiger Mentor, erinnert sich: „Mir war schon klar, dass sie außergewöhnlich ist und ihren Weg geht. Sie war auch bei den Jungs immer eine der Stärksten.“ Und er sollte Recht behalten. Ein Bundesligaspiel hat sie bereits bestritten – im Februar 2024 gegen den 1. FC Nürnberg. Ein kurzer Einsatz, aber ein sichtbares Zeichen: Der Weg, den Karla Brinkmann eingeschlagen hat, führt in den Profifußball. Und dieser Weg begann direkt hier, auf dem Alfelder Rasen.

„Ich kann mich an mein erstes Spiel gar nicht erinnern“, sagt Karla und lacht. „Ich habe ja schon seit der G-Jugend hier gespielt.“ Aufgewachsen mit dem Ball, früh im Training mit Jungs – das war Alltag. „Das hat mir immer Spaß gemacht. Klar ist das körperlich anders als im Mädchenfußball, aber ich will da gar nicht vergleichen – beides hat seinen Wert.“

In der Jugend der SV Alfeld entwickelte sie sich unter Mark Braun und später Tizian Sawala zu einer der prägenden Spielerinnen. „Wir haben damals eigentlich alles gewonnen, was man im Kreis gewinnen konnte“, erinnert sie sich. Nur der Aufstieg in die Landesliga blieb verwehrt. Trotzdem war klar: Diese Spielerin will und kann mehr.

Seit 2021 eine „Wölfin“

Ein Wechsel zu Hannover 96 stand im Raum, scheiterte jedoch coronabedingt. Stattdessen ging es über ein Zweitspielrecht zunächst weiterhin auch für die SV Alfeld auf den Platz, bevor sie 2021 endgültig zum VfL Wolfsburg wechselte – einem der renommiertesten Klubs im deutschen Frauenfußball. Dort durchlief sie die U17 und die zweite Mannschaft, mit dem klaren Ziel, sich in der Bundesliga durchzusetzen.

„Ich gehe auf eine Schule, die mit dem VfL kooperiert. Wir werden zweimal pro Woche für zwei Stunden freigestellt, damit wir trainieren können“, erzählt sie. Ihr Wochenplan ist eng getaktet: Sonntag Spiel, Montag Regeneration und Videoanalyse, Dienstag frei, Mittwoch morgens Krafttraining, abends Teamtraining. Donnerstag zwei Einheiten, Freitag und Samstag jeweils eine. Dazwischen Schule, Lernen, Erholung – oder, wie Karla sagt: „Manchmal einfach kurz mal durchatmen.“

Den Adler auf dem Shirt

Im Sommer 2024 folgte ein weiteres Karriere-Highlight: Die Teilnahme an der U19-Europameisterschaft in Litauen. Zweimal kam sie zum Einsatz. Deutschland startete gut ins Turnier (ein Sieg, ein Remis), schied dann nach einer Pleite gegen Spanien aber aus. „Das war trotzdem eine unglaublich intensive Zeit. So eine EM spielt man vielleicht einmal im Leben“, sagt sie. Besonders in Erinnerung seien ihr der Teamgeist – und das Gefühl, auf höchstem Niveau mitmischen zu können, geblieben.

Aktuell befindet sich Karla Brinkmann nach einem Kreuzbandriss in der Reha. Das Ziel ist klar: wieder fit werden, Spielpraxis sammeln, sich über die zweite Mannschaft erneut empfehlen. „Was mir zur Bundesliga noch fehlt? Schon noch einiges“, sagt sie mit realistischer Selbstwahrnehmung. „Ich muss schneller im Kopf werden, ruhiger bleiben in Drucksituationen, mehr Erfahrung sammeln. Aber ich bin gewillt dazu.“ Vorbilder? Hat sie keine konkreten: „Ich schaue mir viel von verschiedenen Spielerinnen ab.“

Langfristig will sie über die Wolfsburger Zweite den Sprung zurück in die Bundesliga schaffen. „Ich habe da schon noch einiges vor.“ Ruhig ausgesprochen – kein großes Versprechen, sondern eher eine feste Absicht.

Ein starkes Fundament

Dass sie diesen Weg gehen konnte, verdankt sie nicht nur dem eigenen Ehrgeiz. „Ich habe aus der Alfelder Zeit ganz viel mitgenommen. Für mich war und ist das hier wie ein Zuhause.“ Noch heute spielen ihr Vater und ihr Bruder Robert bei der SV Alfeld. Sie selbst war Teil jener goldenen Jugendgeneration, die über Jahre hinweg für Titel sorgte.

Jugendleiter Dennis Scholz nennt sie ein „perfektes Beispiel dafür, wie wichtig gute Jugendarbeit an der Basis ist“. Auch Thomas Warnecke und Markus Hoffmann aus der Abteilungsleitung betonen: „Es zeichnet uns aus, dass wir eine solche Spielerin ausgebildet haben. Wir verfolgen ihren Weg mit großem Interesse.“ Und auch der Kreisfußball würdigte ihre Entwicklung. Andreas Wiese, Vorsitzender des NFV-Kreis Hildesheim, sagte: „Karla, dein Karriereweg ist beeindruckend – und Alfeld kann stolz auf diese Ausbildung sein.“

Symbolischer Scheck – echte Anerkennung

Am Spielfeldrand klatschen Zuschauer und Vereinsverantwortliche. Keine große Bühne, aber ehrliche Anerkennung. Karla Brinkmann steht im Mittelpunkt – leise, aber präsent. Zwei Bälle in der Hand, der symbolische Scheck im Arm. Kein großes Statement, kein Pathos. Nur ein Nicken, ein Lächeln.

Vielleicht war genau das sinnbildlich für diesen Tag – und für ihren bisherigen Weg: Unaufgeregt, fokussiert, beeindruckend. Die Bundesliga bleibt das Ziel. Und wer sie kennt, weiß: Karla wird nicht laut werden. Aber weitergehen. Schritt für Schritt.

Von David Paasche

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