Freden - Eine Uraufführung stand im Mittelpunkt des Konzerts der „camerata freden“ am Mittwoch in der Kirche St. Georg. „Stolen Songs“ (Gestohlene Lieder) heißt der Liederzyklus für Tenor und Violine, den der englische Komponist Huw Watkins als Auftragswerk für die Fredener Musiktage geschrieben hat.
Bewegende Vorgeschichte für Auftrag zur Komposition
Dieser Kompositionsauftrag hat eine ungewöhnliche, bewegende Vorgeschichte. Im vergangenen Sommer brachte Michael Große Lackmann, langjähriger Gast und Unterstützer der Musiktage, eine alte Geige mit, um sie dem Violinisten Adrian Adlam, dem künstlerischen Leiter des Festivals, zu zeigen. Das Instrument stammte aus dem 18. Jahrhundert, gebaut von einem Mitglied der Hopf-Dynastie, einer Geigenbauerfamilie aus dem sächsischen Vogtland. Vorbesitzer der Geige war Alois Rosetz, ein in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren sehr angesehener Musiker in Berlin, der das UFA-Sinfonieorchester Babelsberg leitete. Nach 1933 wurde ihm von den Nationalsozialisten faktisch ein Arbeitsverbot erteilt, weil er mit der jüdischen Konzertpianistin Solome Graudan-Rosetz verheiratet war.
Rosetz verließ mit seiner Frau Deutschland, fand Zuflucht und anfangs auch Arbeit in Lettland. Doch nachdem die Nazis Lettland besetzt hatten, wurde er wegen angeblichen Verrats festgenommen, seine Frau wurde von der Gestapo verhaftet und erschossen. Bei seinem späteren Prozess vor dem Volksgerichtshof nach Drangsal und Folter im Gefängnis wurde Rosetz jedoch überraschenderweise freigesprochen, weil sich Zeugenaussagen widersprochen hatten.
Geschichte des Instrumentes soll erzählt werden
Kurz vor Kriegsende traf ihn eine Kugel in den rechten Arm – Gefäße wurden verletzt, der Knochen war zersplittert. Er konnte nie wieder Geige spielen. 1955, zwei Jahre nach dem Tod von Alois Rosetz, erwarb die Mutter von Michael Große Lackmann die Hopf-Geige für ihren Sohn.
„Mir ist es wichtig, die Geschichte dieses Instruments zu erzählen und somit die Erinnerung an Alois und Salome, stellvertretend für andere verfolgte Menschen, am Leben zu halten“, schreibt Adrian Adlam im Festivaljournal. Deshalb entstand die Idee, das Instrument in einer eigens dafür geschaffenen Komposition zu präsentieren – für Gesang und Violine, ohne Klavier. Adlam engagierte die Schriftstellerin Zoe Gilbert, die den tragischen Stoff in eine Folge von fünf sehr poetischen Gedichten umformte, dazu den Komponisten Huw Watkins, der diese Texte vertont hat: in einer unkonventionellen, hochexpressiven Tonsprache, die aber erkennbar in der Tonalität wurzelt.
Text fußt auf dem Hohelied Salomos
James Gilchrist sang diese Lieder mit jener eindrucksvollen Gestaltungskraft, die er schon im Eröffnungskonzert bewiesen hatte. Die Violinstimme besitzt in dieser Komposition eine markante Eigenständigkeit. Sie wurde dank Adlams engagiertem, ausdrucksstarken Spiel zu einem ebenbürtigen Partner des Sängers.
Den Abend eingeleitet hatten Adlam und Huw Watkins – der nicht nur komponiert, sondern auch als professioneller Pianist hervortritt – mit Arvo Pärts „Fratres“, einer bekenntnishaften, sehr spirituellen Musik. Watkins war anschließend Klavierpartner von Gilchrist in Benjamin Brittens wunderbarem Lied „My beloved is mine and I am his“, dessen Text von Francis Quarles auf das Hohelied Salomos aus der Bibel zurückgeht.
In Kriegsgefangenschaft geschrieben: Quartett für das Ende der Zeit
Auch das Finale dieses bemerkenswerten Konzerts war, wie die „Stolen Songs“, musikalisches Zeugnis eines verfolgten Menschen. Der französische Komponist Olivier Messiaen schrieb sein achtsätziges „Quatuor pour la fin du temps“ (Quartett für das Ende der Zeit) in deutscher Kriegsgefangenschaft in einem Lager in der Nähe von Görlitz.
Die Besetzung mit Violine, Klarinette, Violoncello und Klavier war der Situation des Lagers geschuldet: Das waren die Musiker, die Messiaen für die Uraufführung im Lager am 15. Januar 1941 zur Verfügung standen, französische Kriegsgefangene wie er. Eigentlich ist dieses Werk ein einziges Wunder. Messiaen lässt zwar auch die Posaunen des Jüngsten Gerichts erschallen („Tanz des Zorns für die sieben Trompeten“ heißt dieser Satz), doch ansonsten ist diese Musik – mitten im furchtbaren Krieg – ein musikalischer Hymnus auf die Ewigkeit, ein Lobpreis der Unsterblichkeit Jesu.
Intensität, die Zuhörer im Innersten ergreift
Der Schluss des letzten Satzes entschwebt gleichsam in unendliche himmlische Sphären. Adlam und Watkins gestalteten zusammen mit dem Klarinettisten Ian Scott und dem Cellisten Tim Posner diese gut 50 entrückten Minuten mit Hingabe, mit einer Intensität, die den Zuhörer im Innersten ergreift.
Zwar war die Kirche nicht ganz voll besetzt, es war ja auch nicht unbedingt ein populäres Programm. Doch der lautstarke, begeisterte Beifall zeigte deutlich, welch tiefen Eindruck dieses außergewöhnliche Konzert beim Publikum hinterlassen hatte.

