Alfeld/Brunkensen - Es klingelt an der Haustür der Familie König in Brunkensen. Als sie aufgeht, stehen zwei junge Männer nebeneinander im Flur. Gleiche Größe, ähnliche Gesichter. Erst beim zweiten Blick wird klar: Man sieht nicht doppelt. Felix und Finn König, 23 Jahre alt, Zwillinge – beide Fußballer der SV Alfeld.
Bewusste Entscheidung
Im Innern zeigt sich sofort der Alltag: Uni-Unterlagen, ein aufgeklappter Laptop, eine Kaffeetasse. Studium, Job und Training greifen hier ineinander. Felix absolviert ein duales Masterstudium im Sportmanagement. „Ich bin einmal im Monat in Hamburg an der Uni – ansonsten arbeite ich bereits“, erzählt er. Finn studiert Sport und Geschichte auf Lehramt in Göttingen und verdient sich nebenbei Geld dazu. Zwei Wege, zwei Tagesabläufe – so organisiert, dass abends Zeit für den Fußball bleibt. „Das brauchen wir als Ausgleich“, sind sich die Brüder einig.
Dass sie heute gemeinsam in Alfeld spielen, ist keine spontane Entscheidung gewesen. „Wir haben uns bewusst für die SV Alfeld entschieden“, sagen die Zwillinge. Die Verbindung zum Verein reicht weit zurück – lange vor dem Kapitel Eintracht Northeim. In Alfeld wurden sie früher sogar von ihrem Vater Holger trainiert. „Er war extrem wichtig und prägend für uns, genau wie die Zeit in der Alfelder Fußballjugend“, erinnert sich Felix.
Aufregendes Kapitel in Northeim
Doch bis der Weg zurück zu ihren fußballerischen Wurzeln führen sollte, schnürten sie ab der C-Jugend lange für die Eintracht aus Northeim die Fußballschuhe. Dort erhielten sie eine Ausbildung, von der sie bis heute profitieren: Vororientierung, taktisches Verständnis, Spielintelligenz – und ein kompromissloser Wille zu gewinnen. „Der Spirit in der Oberliga-Zeit war brutal“, sagen sie. Auch die Rahmenbedingungen stimmten: Shuttle-Service, topausgebildete Trainer. „Die Jahre waren in jeglicher Hinsicht sehr lehrreich“, sagt Finn.
Gleichzeitig war Northeim nicht immer ein einfaches Pflaster. Druck, Verletzungen und enge Zeitfenster bestimmten den Alltag. Und dann kam Corona. Der prestigeträchtige Juniorcup in Göttingen fiel aus, eine wichtige Bühne brach weg. Im Jahr zuvor hatten sie sich noch mit Spielern wie Nick Woltemade gemessen, Felix traf gegen Hertha BSC, Finn gegen Werder Bremen. „Wir hätten gerne gesehen, was noch möglich gewesen wäre“, sagen beide. Statt Frust folgte eine klare Entscheidung: Fokus auf Studium und Beruf – auch wenn der Profifußball zeitweise greifbar schien.
Erst Felix, dann Finn: Vereint an alter Wirkungsstätte
Irgendwann veränderte sich der Blick. Der Traum vom ganz großen Fußball wich keiner Enttäuschung, sondern einer neuen Klarheit. „Wir wollten weiter ambitioniert Fußball spielen – aber nicht um jeden Preis.“ Der Gedanke an eine Rückkehr nach Alfeld rückte wieder in den Vordergrund – vor allem wegen der Mannschaft und des vertrauten Umfelds.
So kehrte Felix vor rund drei Jahren zurück an die Leine. In der schwierigen Landesligasaison waren es die Trainer Holger Wesche und Mark Braun, die ihm von Beginn an Vertrauen schenkten. „Das war extrem wichtig für mich“, sagt er.
Bruder Finn folgte im vergangenen Sommer. „Ich habe hier ein Team gesehen, in dem ich unbedingt dabei sein wollte“, sagt er. In Northeim war seine Zeit immer wieder von Verletzungen geprägt. In Alfeld fühlte er sich sportlich wie menschlich gut aufgehoben. „Das Gesamtpaket passt einfach perfekt.“
Zwei unterschiedliche Typen
Heute ist Felix einer der gefährlichsten Angreifer der Bezirksliga. Früher im zentralen Mittelfeld oder in der Innenverteidigung zu Hause, geht er nun mit Tempo auf die letzte Kette, schließt ab und trifft. 16 Tore stehen zu Buche – Ligaspitze gemeinsam mit Tim Utermöhle vom TuS Hasede. „Ohne die Jungs um mich herum würde das nicht funktionieren“, sagt Felix. „Der Teamerfolg steht über allem.“
Finn ist technisch sauber ausgebildet, etwas ruhiger, aber nicht weniger wichtig. Vor allem ist er froh, endlich wieder schmerzfrei Fußball spielen zu können. „Ich fühle mich richtig wohl – zurzeit passt alles“, sagt er.
Als Zwillinge auf dem Platz? Kein romantischer Mythos. „Wir schnauzen uns schon mal an“, sagen sie und lachen. Dann ist es auch wieder gut. Konkurrenzdenken gibt es nicht. Privat sind beide bodenständig und stark familienorientiert. Der Dank an die Eltern kommt selbstverständlich: Vater Holger, Mutter Nicole. „Ohne sie hätten wir unseren Weg nicht so gehen können“, sagen die Brüder.
Ziele, Trainer und ein realistischer Blick nach vorn
Sportlich steht die SV Alfeld derzeit auf Platz fünf der Bezirksliga, nur drei Punkte hinter Spitzenreiter Union Bad Pyrmont. Felix würde gern noch einmal Landesliga spielen – am liebsten mit Alfeld. „Die Stimmung in der Mannschaft ist überragend.“ Finn sieht Entwicklungspotenzial, vor allem unter den neuen Trainern Jaro Henkel und Dennis Scholz. Der Rücktritt von Miguel Krahl schmerzte. „Top-Trainer“, sagt Felix, „aber Jaro ist jemand, für den man als Team brennt.“
Vielleicht erklärt genau das ihren Weg am besten. Felix und Finn König wissen, dass ihr Fußball nur im Zusammenspiel funktioniert. In Alfeld haben sie eine Mannschaft gefunden, die das lebt – und die zu dem passt, was ihr Leben heute ausmacht.
Von David Paasche



