New York City/Diekholzen - Schon als Kind, erzählt Matthias Meyer, hatte er ein Faible für große Städte. „Ich war begeistert, wie hip die Leute da aussahen.“ Ganz oben auf der Liste: New York, liebevoll Big Apple genannt oder auch, weniger schmeichelhaft, Gotham City, nach der verbrecherischen Stadt aus den Batman-Comics. Und der Musiker aus Diekholzen hat es geschafft. Aktuell lebt er dort. Für ihn ist New York aber weder Big Apple noch Gotham – sondern die Welthauptstadt des Jazz.
In der Region Hildesheim machte Meyer bereits als 16-Jähriger auf sich aufmerksam. In einem Jazz-Trio mit Felix Lopp und Niklas Galke – die drei hatten sich an der Musikschule kennengelernt – eroberte er 2014 beim „hört! hört“-Wettbewerb den ersten Platz. Ein Musikstudium in Hannover folgte, ab 2019 ein weiteres am Jazz Institut Berlin. Aller guten Dinge sind wieder mal drei: Vor zwei Jahren gelang ihm dank eines Auslandsstipendiums der Sprung über den großen Teich. Noch bis zum nächsten Jahr möchte er dort bleiben.
WG-Zimmer mit Flügel
Matthias Meyer, heute 27, erinnert sich gut an seinen ersten Tag in New York. Er stand in einem Supermarkt, stellte entgeistert fest, wie unglaublich teuer alles war, und hatte vor allem eins: riesiges Heimweh. Das hat sich längst gelegt, erzählt er bei einem Online-Interview: „Jedes Mal, wenn ich über die Brücke nach Manhattan fahre, denke ich: Wie cool es ist, hier zu leben!“ Auch was die Lebensmittelpreise angeht, ist er inzwischen entspannter: „Mit der Zeit findet man heraus, wie man bezahlbare Mahlzeiten herstellt.“
Meyer hat zudem reichlich Glück gehabt, vor allem bei der Zimmersuche. Eigentlich ist unter 1000 Dollar pro Monat nichts zu finden. Er ist in einer Musiker-WG untergekommen, zahlt deutlich weniger und vor allem: In seinem Zimmer stehen ein Schlagzeug und ein Flügel – letzteren hat sein Vormieter für 400 Dollars da gelassen, weil er ihn nicht in seine neue Wohnung mitnehmen konnte. Meyers WG befindet sich am Sunset Park in South Brooklyn. Von einem Hügel herunter hat er einen herrlichen Ausblick auf Manhattan.
„In 20 Minuten bin ich in Coney Island am Strand“, schwärmt er, und im Riverside Park trifft er sich mit anderen Studenten zum Fußballspielen. Die Kehrseite: Zum City College in Harlem, wo er studiert, sind es an schlechten Tagen anderthalb Stunden pro Strecke. Und da muss er fast täglich hin. „Die New Yorker sind sehr stolz auf ihre U-Bahn“, berichtet Meyer. Dabei sei das Netz anfälliger als in Berlin.
Doch das Handicap nimmt er gerne in Kauf. Viel wichtiger ist, dass er sich ganz darauf konzentrieren kann, Schlagzeug zu spielen. „Dass ich sechs Stunden am Tag am Schlagzeug sitze, ist nicht unüblich“, erzählt er. Was lernt er in den USA, das er in Hannover und Berlin nicht lernen konnte? Die Drummer in New York seien „unfassbar“, sagt Meyer, „es ist eine andere Art, Schlagzeug zu spielen.“ Gleich welcher Stil, ob Avantgarde oder traditioneller Swing, es gelte immer die Maxime: „Es muss schieben, nach vorne gehen, grooven, sich gut anfühlen.“ Ursprünglich sei Jazz Tanzmusik gewesen, und das sei in New York immer noch zu spüren.
Nächtliche Sessions in Brooklyn
Meyer lernt nicht nur bei seinen Lehrern an der Uni, Carl Allen und Adam Cruz, sondern mindestens ebenso auf den Bühnen der Stadt. In berühmten Clubs wie im „Birdland“, im „Blue Note“ oder im „Vanguard“ sei der Eintritt unerschwinglich, sagt er, aber dafür finde man Läden wie das „Ornithology“ in Brooklyn. Dort gibt es einen Club und ein Café, in beiden kann man pro Abend zwei Konzerte erleben und für Musiker ist der Eintritt frei. Nach den Konzerten werden noch bis tief in die Nacht Sessions gespielt, bei denen Meyer regelmäßig am Schlagzeug sitzt.
„Ich habe das Gefühl, dass es die beste Zeit meines Lebens ist“, sagt er. Klingt so, als wolle er im Big Apple bleiben. „Eher nicht“, erwidert Meyer. „Das liegt vor allem an meiner Freundin, die in Berlin wohnt.“ Und auch an seiner Familie. Zuletzt war er über die Weihnachtszeit im Diekholzener Elternhaus, wo im Keller noch eine andere, alte Geliebte steht: sein erstes Schlagzeug. „Es gibt keinen anderen Ort, wo man sich so sehr zu Hause fühlt“, sagt Meyer.
Nachteile der Großstadt
Das Leben in der Großstadt hat, musikalisch gesehen, außerdem einen gewichtigen Nachteil, jedenfalls für ihn: Zum Komponieren braucht er Ruhe. Die Songs für sein neues Album hat er während der Corona-Jahre größtenteils in seinem Elternhaus in Diekholzen geschrieben. Eine Großstadt wie Berlin oder New York hätte ihn zu sehr abgelenkt.
Die Studienpause im Winter hat Meyer genutzt, um das Album mit einer Deutschland-Tour zu promoten und ist dann gleich nach New York zurückgekehrt. Sein zweites Studienjahr endet im Mai, doch wenn alles nach Plan läuft, klappt es mit einer Zugabe im Big Apple. Meyer hat sich für ein sogenanntes Optional Practical Training beworben, einer Art universitärem Praxisjahr.
Meyer hofft inständig, dass es klappt. „Es ist natürlich auch stressig, aber für den Moment ist es mir egal“, sagt er über New York. In den USA lässt das Trump-Regime derweil ausländische Studierende festnehmen, obwohl sie keine Straftaten begangen haben. Diese Nachricht ging vorige Woche um die Welt und sorgte vor allem an Hochschulen und Unis für Entsetzen. Zu dem Thema befragt, hält Meyer sich zurück: „Dazu möchte ich nichts sagen.“
Neues aus dem Bowie-Studio
„Becoming“ ist der Opener von Matthias Meyers Debüt-Album, das im Januar erschienen ist und so heißt wie seine Band: Niemandsland. Becoming, also etwa: im Werden. So mag sich Meyer gefühlt haben, als er die acht Stücke schrieb, was schon ein paar Jahre her ist. Doch wie etwas, das noch werden muss, klingt „Niemandsland“ in keiner Weise. Sondern geradezu erstaunlich reif.
Meyer hat die Stücke so komponiert, dass sich die fünf Musiker absolut auf Augenhöhe begegnen können. Gemeinsam mit Morton Larsen am Bass bestellt der Schlagzeuger das Land, aus dem Altsaxofonist Efim Braylovskiy, Tenorsaxofonist und Bassklarinettist Finn Vidal sowie Pianist Jakob Reisener faszinierende Früchte sprießen lassen. Das Spektrum reicht von melancholischen, sanften Gefühlen – ganz tonal und harmonisch – bis zu Ausbrüchen, bei denen ein harscher Wind über die Felder weht. Und manchmal, wie in „For Marc“, lässt auf schönste Weise der klassische Bebop grüßen.
Aufgenommen wurde das Ganze in den Berliner Hansa Studios, wo David Bowie einst sein legendäres „Heroes“-Album aufgenommen hat, und es klingt richtig gut. Von einem vielversprechenden Debüt zu reden, wäre glatt untertrieben.

