Hildesheim - „Eigentlich ist das alles schon ziemlich verrückt“, sagt Hendrik Scharnbacher. 23 Jahre jung ist der American Footballer und hat doch schon so viel erlebt. Hildesheim, Illinois (USA), Braunschweig und Berlin – das sind die Stationen seiner Reise, die ihn nun wieder zurückführt nach Hildesheim – in seine Heimat- und Geburtsstadt. In der kommenden Saison wird der junge Quarterback für Erstligist Hildesheim Invaders auflaufen. „Back to the Roots“, sagt Scharnbacher.
Seine Football-Karriere begann einst bei den Young Invaders. Rund zehn Jahre später kehrt er zurück in die Domstadt. Dazwischen ist viel passiert – und Scharnbacher hat nicht nur die schönen Seiten des Football-Sports kennengelernt.
Lieber Football statt Handball
Eigentlich war Handball sein Sport gewesen. In der C-Jugend spielte er bei Eintracht Hildesheim. Doch als ihn ein Klassenkamerad zum Flag Football mitnahm, wechselte er die Sportart. „Football hat mich gleich viel mehr begeistert als Handball. Es gibt einfach mehr Action und Abwechslung.“
Er wollte möglichst schnell viel lernen – und wo kann man das besser als im Mutterland des Footballs, in den USA? Hendrik Scharnbacher bemühte sich um ein Auslandsjahr. Es klappte. „Ich bin bei einer sehr netten Familie in Illinois untergekommen.“ Noch heute schwärmt er: „Das war eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde und von der ich immer noch profitiere.“
Harte Schule in den USA
In den Staaten trainierte er jeden Tag mehrere Stunden Technik, Kraft und Ausdauer. „Ich habe für das Team der Centralia High School in Illinois gespielt. Die Spieltage waren ein Erlebnis. Bei Heimmatches wurden wir von mehreren tausend Fans angefeuert. Das ist ganz anders als in Deutschland.“
Wie verwandelt kehrte Scharnbacher nach Hildesheim zurück. „Beim Training und in den Spielen mit den Young Invaders habe ich eine völlig neue Energie gespürt.“ Eine Folge der harten Football-Schule in den USA. 2019 führte der junge Quarterback die Hildesheimer A-Junioren zum Gewinn der Norddeutschen Meisterschaft. „Es war eine perfekte Saison. Wir haben alle Spiele gewonnen.“
Das Team, das nie spielte
Doch der Weg in den Erwachsenenbereich war mit Hindernissen gepflastert. Das Invaders-Team um Star-Quarterback Casey Therriault hatte große Ambitionen in der 1. Liga. Doch nach dem Aus in den Playoffs zog sich Investor Frank Meyer zurück. Das Hildesheimer Team fiel auseinander und stürzte in die Regionalliga ab.
Dann der nächste Rückschlag: Scharnbacher heuerte bei den „German Knights“ an. Das Team sollte in der neuen European League of Football (ELF) antreten. Doch das Projekt scheiterte, ehe es begonnen hatte, die Knights gingen nie an den Start – und Hendrik Scharnbacher musste eine Entscheidung treffen: Für die Invaders in der 3. Liga spielen oder beim mehrfachen Deutschen Meister Braunschweig Lions, die ihn haben wollten?
In Braunschweig meist nur Ersatz
Er entschied sich für die Lions, obwohl er wusste, dass er dort nur wenige Einsätze bekommen würde. „Aber die Lions sind eine Top-Adresse. Mir ging es darum, mich weiterzuentwickeln.“ Scharnbacher kam einige Male für die verletzten Stamm-Quarterbacks zum Einsatz. So auch 2022 im Playoff-Viertelfinale gegen die Allgäu Comets. Die Lions verloren mit 10:14. „Es hätte besser laufen können“, blickt Scharnbacher zurück. Doch die Flutlicht-Atmosphäre im Stadion vor 5000 Fans war dennoch besonders.“
Zwischenzeitlich hatte Corona den Sport ausgebremst, 2023 durfte Scharnbacher fast gar nicht aufs Feld – und dann kam ein Angebot aus Berlin. „Die Adler wollten ganz bewusst einen deutschen Quarterback“, erzählt er. „Das ist ungewöhnlich, denn fast alle Erst- und Zweitliga-Klubs setzen auf US-Importspieler.“
Auftritt in Stefan Raabs Show
Als Nummer-eins-Quarterback zeigte Scharnbacher gute Leistungen – die beste ausgerechnet in Hildesheim am 28. Juli 2024. „Das war schon ein spezielles Gefühl, in meiner Heimatstadt für den Gegner aufzulaufen“, blickt er zurück. Er leitete mit seinen Pässen mehrere Touchdowns ein und erzielte einen weiteren selbst. Trotzdem verloren die Adler knapp mit 35:38 und verpassten die Playoffs.
Hendrik Scharnbacher trat sogar im Fernsehen auf. Vor dem Super Bowl 2024 machte er mit bei Stefan Raabs RTL-Show „American Ice Football“ mit. „Das war echt lustig“, sagt er.
Berliner Zeit endet im Chaos
Weitaus weniger lustig endete seine Berliner Zeit. Die Kurzversion des Hauptstadt-Theaters geht so: Zach Cavanaugh kritisierte das Management: „Wir sind hoch verschuldet.“ Der Vorwurf der Insolvenzverschleppung stand zur Debatte. Es kam sogar zu einem Polizeieinsatz. Sportdirektor Florian Raffel soll sich von Cheftrainer Cavanaugh und Co-Trainer Max Zimmermann bedroht gefühlt haben.
Es soll den Versuch des gewaltsamen Eindringens in Raffels Büro gegeben haben, dazu Beleidigungen und Drohungen. Die Polizei sprach daraufhin ein Hausverbot des Vereins gegenüber Cavanaugh offiziell aus. Kurz darauf wurde der Trainer entlassen.
Danach weigerten sich viele Spieler, weiter aufzulaufen. Die Adler mussten sich vom Spielbetrieb zurückziehen und wurden vom American Football Verband Deutschland (AFVD) sanktioniert. Der Klub muss runter in die 3. Liga.
Das Herz gebrochen
Nach diesem Skandal wurden zudem die Berliner Nationalspieler nicht mehr für das Nationalteam nominiert. Schlimm auch für Scharnbacher, der zum deutschen Kader gehörte. „Das hat mir das Herz gebrochen“, sagt der 23-Jährige, der beim Gespräch mit der HAZ einen Hoodie mit dem Bundesadler trägt. „Den dürfte ich eigentlich wohl gar nicht anhaben“, bemerkt er.
Nach dem Aus in Berlin erinnerte man sich in Hildesheim an das einstige Top-Talent aus den eigenen Reihen und holte Scharnbacher zurück. „Nach all‘ den Erlebnissen und Turbulenzen wieder für meine Heimatstadt auflaufen zu dürfen, das ist ein kleiner Traum“, sagt er. Für Invaders-Vorstand Johannes Krupp ist es „ein Coup“: „Wir freuen uns riesig. Hendrik passt perfekt in unser Konzept.“ Scharnbacher, der mit seiner Freundin Jacqueline wieder nach Hildesheim gezogen ist, weiß, dass er nicht die Nummer eins sein wird. Nelson Hughes ist als Quarterback gesetzt.
Ein kleiner Traum
Doch dass es manchmal anders kommen kann als man denkt, hat der junge Mann zur Genüge erfahren. „Meine Priorität gilt nun dem Studium, das ich zuletzt etwas schleifen ließ“, betont er. „Doch Football ist meine Leidenschaft.“ Er verspricht: „Wenn ich gebraucht werde, bin ich bereit.“ Die Reise von Hendrik Scharnbacher ist noch lange nicht zu Ende.



