Prozessbeginn

„Keyless-Go-System“ ausgetrickst? Vier Männer stehen vor dem Hildesheimer Landgericht – auch wegen zweier Diebstähle in Delligsen

Delligsen/Hildesheim - Vier Männer sollen vergangenes Jahr insgesamt elf Autos aus mehreren Städten im Raum Hannover gestohlen haben. Aber nicht nur da: Auch die Diebstähle aus dem Januar 2025 in Delligsen werden den Angeklagten vorgeworfen.

Volle Anklagebank im Landgericht Hildesheim: Vier Männern wird vorgeworfen, im vergangenen Jahr insgesamt elf Autos gestohlen zu haben – zwei davon in Delligsen. Foto: Chris Gossmann

Delligsen/Hildesheim - Auf den Wagen zugehen, sich hineinsetzen und losfahren, ohne einmal einen Schlüssel in der Hand zu nehmen – das ermöglicht das sogenannte „Keyless-Go-System“. Was einerseits für mehr Komfort im Alltag sorgen soll, ist andererseits immer wieder eine Schwachstelle, über die Verbrecher recht einfach in fremde Autos gelangen. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft Hildesheim trifft das auch auf die vier Männer zu, die sich am Dienstag beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Hildesheim für insgesamt elf Autodiebstähle verantworten müssen. Mit in dieser Liste enthalten: zwei Taten aus Delligsen Anfang 2025.

Die Staatsanwaltschaft wirft den vier Angeklagten im Alter von 28, 33, 43 und 45 Jahren vor, zwischen Januar und April vergangenen Jahres als Diebesbande unterwegs gewesen zu sein. Der 45-Jährige soll dabei eine Art Führungsrolle eingenommen und Aufträge erteilt haben, während die anderen drei Männer die Autos gestohlen und sie in anderen Städten abgestellt haben, um sie anschließend im Ausland zu verkaufen. Die Entlohnung soll dann wiederum über den 45-Jährigen in einem Club in Hannover gelaufen sein – laut Staatsanwaltschaft geht es um Summen von jeweils mehreren Hunderttausend Euro, die die vier Männer dabei erbeutet haben sollen.

Komplexes Netz der mutmaßlichen Diebesbande

Hauptsächlich sollen die Angeklagten in der Region Hannover aktiv gewesen sein – zu den ersten beiden Taten kam es aber laut der Anklage in Delligsen. Demnach stahlen drei der Angeklagten in der Nacht zum 20. Januar 2025 sowohl einen Mercedes X-Klasse vom Gelände des Autocentrums Delligsen als auch einen Nissan Navara vom Gelände des Autohauses Ludewig. Letzterer fand sich später aber in Dortmund wieder. Generell fallen viele Ortsnamen während des ersten Prozesstages, darunter Hannover, Bremen, Walsrode, Antwerpen – und immer wieder Seligenstadt in Hessen. Die Stadt soll der mutmaßlichen Bande als Drehpunkt ihrer Aktivitäten gedient haben, auch der gestohlene Mercedes aus Delligsen soll von zwei der Angeklagten direkt nach dem Diebstahl dorthin gebracht worden sein.

Das Netz der mutmaßlichen Diebesbande soll so komplex gewesen sein, dass nach den Delligser Diebstählen das Fachkommissariat Organisierte Kriminalität der Zentralen Kriminalinspektion in Göttingen die Ermittlungen übernahm. Dabei überwachten die Beamten monatelang Handynummern, die sie den Angeklagten zuordneten, wie der Ermittlungsleiter, der am Dienstag als erster Zeuge geladen ist, erklärt. Neben der Überwachung der Mobilfunkdaten, mit denen die Polizei die Bewegung der Männer verfolgen konnte, seien es aber auch Fehler der Angeklagten selbst gewesen, die bei den Ermittlungen geholfen hätten.

Festnahme im Juni vergangenen Jahres

So wurde der 28-Jährige bei einer Fahrt in Hannover gleich zweimal hintereinander geblitzt, und einer der gestohlenen Wagen blieb auf der Autobahn in Richtung Dortmund mangels Benzin liegen. „Es gab eine wilde Kommunikation, und das Ende vom Lied war, dass sie das Auto anschließend nicht mehr wiedergefunden haben“, so der Beamte – denn die Polizei hat den Wagen nebst Rucksack des 28-Jährigen, den der im Auto vergessen hatte, da bereits sichergestellt. Der 43-Jährige wiederum nannte einmal während eines Telefonats mit dem überwachten Handy nicht nur seinen richtigen Namen, er buchstabierte ihn sogar – für die Polizistin, die als zweite Zeugin geladen ist, eine große Hilfe, wie sie rückblickend sagt. Schließlich liefen alle Handys „szenetypisch“ unter falschem Namen und die Angeklagten sprachen sich untereinander mit Pseudonymen an: „Das macht die Ermittlungen schwierig.“

Im Juni 2025 schließlich wurden drei der Männer verhaftet, der vierte befand sich da bereits wegen anderer Delikte in U-Haft. Wie die vier Angeklagten das Diebesgut ausgemacht und wie sie die elf Wagen genau gestohlen haben sollen, kann der Ermittlungsleiter vor Gericht allerdings nicht sagen. Es gebe mehrere Möglichkeiten, die Schwachstellen der Keyless-Go-Systeme auszunutzen – welche davon zur Anwendung kam, wisse die Polizei nicht.

Fortsetzung Ende Februar

Der Prozess wird am 26. Februar fortgesetzt – und könnte mit einem Geständnis im Rahmen einer Verständigung zwischen Staatsanwaltschaft und der Verteidigung beginnen. Bislang räumt am Dienstag einzig der 33-Jährige einige der Taten ein: „Ich habe das alles gemacht, um meine Sucht zu finanzieren“, nennt er dem Vorsitzenden Richter Steffen Kumme den angeblichen Grund für die Diebstähle – er habe teils bis zu fünf Gramm Kokain pro Tag zu sich genommen.

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