Naturschutz

Schutzmaßnahme bei Gronau schlägt fehl – warum der Feldhamster nach und nach verschwindet

Gronau - Dort, wo heute im Westen von Gronau Gewerbefirmen siedeln, lebte bis 2019 der Feldhamster. Er sollte zugunsten der Unternehmen umziehen auf angrenzende Flächen. Er tat es nicht. Eine Analyse zu den Gründen.

Feldhamster werden überall dort ausgewildert, wo der Aufbau einer stabilen Population erwartet werden kann. Stabil heißt: ungefähr 100 Tiere sind nötig. Hier bringt Nina Lipecki zwei Tiere in ihre neue Heimat. Foto: Lars Kaletta

Gronau - Der Feldhamster hat es nicht leicht. Von einst großen Populationen auf deutschen Feldern ist kaum etwas geblieben. Schutzmaßnahmen bringen oft wenig oder nichts. Westlich von Gronau sollte dem Nagetier eine Gelegenheit gegeben werden, sich anzusiedeln. Dazu wäre eine Umsiedlung nötig gewesen. Bei der Aufstellung von Bebauungsplänen im Bereich des Gewerbegebietes, zwischen der alten Bundesstraße 3 und der Bahntrasse, sind sogenannte Maßnahmeflächen zum Schutz des Tieres ausgewiesen worden. Denn der Feldhamster kam dort vor, wo gebaut werden sollte. Er wurde deshalb, salopp gesagt, von A nach B gebeten. Doch der Hamster hat das Angebot ausgeschlagen.

Monitoring kommt zum Ergebnis: keine Feldhamster

Zu diesem Ergebnis kommt ein Monitoring, erstellt beziehungsweise unterstützt von Beschäftigten der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Hildesheim, der Arbeitsgruppe Feldhamsterschutz Niedersachsen, dem Planungsbüro GeumTech aus Hannover und der Biologin Nina Lipecki von der Ökologischen Station Hildesheim. Viel Manpower und gute Absichten für Cricetus cricetus, so der lateinische Name des Feldhamsters. Allein, es hat nichts genutzt. „Die Maßnahme ist als erfolglos zu bewerten“, bilanziert Marko Krause vom Fachbereich Bauen und Planen der Samtgemeinde Leinebergland in einer Infovorlage für die Politik.

Zur Tagesordnung übergehen will Krause nicht, das Schutzziel müsse schon im Auge behalten werden, um den Anforderungen aus den Bebauungsplänen nachzukommen. „Wenn festgestellt wird, dass eine Maßnahme nicht oder eingeschränkt funktioniert, ist eine Umplanung beziehungsweise Anpassung notwendig, um das Ausgleichserfordernis zu erfüllen“, erklärt er. Dafür sei ein jetzt beauftragtes Monitoring notwendig, um zu erkennen, welche Bereiche geeignet sind als „Zielflächen“ der Maßnahme Hamsterschutz. Sollten solche Flächen gefunden werden, könnte die Schutzmaßnahme umgeplant werden.

Eine zu kleine Population kann nicht auch sich heraus wachsen

Wo könnte das denn sein? Was fehlt dem Hamster dort, wo er hin sollte? Die Frage geht an Nina Lipecki. Sie sagt: „Wird der Bestand zu klein, kann die Population nicht mehr von sich aus wachsen. Ohne eine Bestandsaufstockung durch Individuen von außen geht der Bestand dann immer weiter zurück, trotz bester Maßnahmen.“ Eine Bestandsaufstockung könne nur erfolgen, wenn Tiere zuwandern können. „Die Population bei Gronau liegt zwischen Wohnbebauung, der Leine und der Bundesstraße, was ein Zuwandern erschwert“, sagt Lipecki. Aus ihrer Sicht müsse grundsätzlich größer gedacht werden, gemeindeübergreifend: „Man arbeitet hier mit einem Tier, das überall verschwindet. Alle Bemühungen werden ohne Rahmenbedingungen wenig nützen.“

Die da wären? „Der Feldhamster braucht die nach guter landwirtschaftlicher Praxis bewirtschafteten Flächen als Lebensraum. Ein wesentliches Problem stellt dabei die Größe der Ackerschläge dar“, so Lipecki. Das Tier brauche Gebiete von mindestens 200 Hektar Größe, die feldhamstergerecht, also angepasst bewirtschaftet werden. Für die Hilfestellung einer Auswilderung in diesen Gebieten sollte das Land Niedersachsen ein Artenhilfsprogramm auflegen und hinreichend Geld bereitstellen, appelliert die Biologin. Sie merkt auch mit Blick auf die Gronauer Bemühungen an: „Einzelne Ausgleichsmaßnahmen können das Fehlen einer Strategie des Landes nicht auffangen.“

Vorkommen vor allem im Bereich der Börden

Die Verbreitung des Feldhamsters im Landkreis Hildesheim ist aktuell im Wesentlichen auf den Bereich der Börden – Hildesheimer und Calenberger Börde – reduziert. „Nur dort, wo ein guter, grabbarer Boden mit niedrigem Grundwasserstand ist, passen die Bedingungen“, beschreibt Lipecki das, was der Hamster braucht. Sie verweist auf Kartierungen, die von der Ökologischen Station Hildesheim und vom Verein AG Feldhamsterschutz Niedersachsen ausgeführt werden. „Es gibt noch wenige Bereiche mit einem guten Bestand. Dort fördert der Landkreis Hildesheim die feldhamstergerechte Landwirtschaft.“

Nicht Landwirte würden dem Feldhamster das Leben schwer machen, sondern die EU mit ihren Regeln für die Landwirte. Bei frühen Ernten fehle dem Tier vor Beutegreifern die Deckung in der Landschaft. Hinzu komme der Klimawandel mit Trockenzeiten und Starkregen. Der Feldhamster hat es nicht leicht – etliche Umstände sprechen gegen ihn.

Er kam einst aus den asiatischen Steppen

Der Feldhamster, der einst aus den asiatischen Steppen einwanderte, ist in Europa vom Aussterben bedroht. In der gesamten Bundesrepublik gibt es schätzungsweise nur noch 50.000 dieser Tiere – wahrscheinlich liegt ihre Zahl sogar noch deutlich darunter. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Tierarten zurückgehen oder aussterben, das geschieht seit Millionen Jahren. Doch durch menschliche Aktivitäten ist die Aussterberate heute bis zu 1000 Mal höher als natürlicherweise. Diese Angabe stammt vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu).

  • Gronau
  • LeineBL
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.