Medizin

Streit um Rettungsdienst im Kreis Hildesheim: Beschäftigte aus Alfeld sorgen bei Politik für ein Umdenken

Kreis Hildesheim - Die Entscheidung für den neuen Rettungsdienstbedarfsplan ist vertagt worden. Dafür haben zahlreiche Mitarbeiter aus dem Bereich Alfeld gesorgt, die am Donnerstag bei einer Ausschusssitzung aus der Praxis berichteten. (mit Kommentar)

Bei der Ausschusssitzung im Kreishaus waren auch zahlreiche Beschäftigte des Rettungsdienstes (in den hinteren Reihen) zu Gast. Foto: Werner Kaiser

Kreis Hildesheim - CDU-Politikerin Katy Renner-Köhne brachte am Donnerstagabend nach drei Stunden die Situation auf den Punkt: „Das war anstrengend, aber auch richtig gut und wichtig“, sagte die Vorsitzende des Ausschusses für Verkehrssicherheit, Verbraucher- und Bevölkerungsschutz nach einer Sondersitzung zum Rettungsdienstbedarfsplan. Bei der gemeinsamen Sitzung mit dem Ausschuss für Jugend, Soziales und Gesundheit ging es im Hildesheimer Kreishaus um die Frage, wie künftig in einem Notfall Sanitäter schneller bei den Patienten sein können.

Laut Gesetz soll in 95 Prozent der Einsätze der Rettungswagen in spätestens 15 Minuten eintreffen. Doch diese Vorgabe wird im Landkreis Hildesheim derzeit nicht eingehalten. Der Wert liegt lediglich bei 92,6 Prozent. Betrachtet man das Umland ohne die Stadt Hildesheim liegt der Wert sogar noch niedriger, nämlich bei 89,8 Prozent. In der Domstadt hingegen wird die gesetzliche Vorgabe gerade noch eingehalten (95,4 Prozent). In einigen Landgemeinden soll der Wert sogar noch deutlich geringer sein. Zahlen dazu will der Landkreis aber auf Nachfrage der Redaktion nicht nennen.

Bringt neuer Plan wirklich Verbesserungen?

Der neue Bedarfsplan soll nun helfen, die Situation zu verbessern. Es gibt aber aus der Politik und vor allem aus der Praxis deutliche Zweifel daran, ob es gerade im Bereich Alfeld zu einer Verbesserung kommen kann. Vor allem aus Alfeld waren denn auch zahlreiche Beschäftigte des Rettungsdienstes ins Kreishaus gekommen. Sie schilderten die Situation aus ihrer Sicht – die deutlich von den Ausführungen des Gutachters Behrendt abweicht. Der will eine Verbesserung der Situation vor allem dadurch erreichen, dass die regionalen Zuständigkeiten der einzelnen Rettungswachen optimiert werden. Außerdem sollen verstärkt sogenannte Notfallkrankentransportwagen (NKTW) eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um Fahrzeuge, die lediglich mit Rettungssanitätern (dreimonatige Ausbildung), nicht aber mit Notfallsanitätern (dreijährige Ausbildung) besetzt sind. Sie können daher auch nur dann ausrücken, wenn es um kleinere Verletzungen und Erkrankungen geht, nicht aber um akute Lebensgefahr. Die Beschäftigten bezweifeln daher, dass die NKTW die Situation tatsächlich entspannen können.

Und auch sonst widersprachen die Mitarbeitenden aus dem Rettungsdienst in zentralen Punkten den Ausführungen des Gutachters. Dabei ging es etwa um die zahlreichen Einsätze der Alfelder Rettungswache im Bereich Delligsen (Kreis Holzminden). Nach Angaben der eigens gegründeten Arbeitsgemeinschaft Rettungsdienst Hildesheim (Süd) gab es allein im Bereich Delligsen im vergangenen Jahr 1098 Einsätze der Alfelder Rettungswache. Das sind 16 Prozent des gesamten Einsatzaufkommens.

Widersprüche zwischen Gutachten und Praxis

Der Gutachter hatte zudem behauptet, das im Erhebungszeitraum seiner Studie (April 2023 bis April 2024) kaum noch Fahrzeuge die später geschlossene Notaufnahme des Alfelder Krankenhauses angefahren hätten. Er kam nach Auswertung der Daten nur auf 144 Fahrten. Doch auch hier sprechen die Zahlen der AG eine andere Sprache. Demnach gab es im Jahr 2023 noch 2459 Fahrten zur Alfelder Notaufnahme, im vergangenen Jahr bis zur Schließung im Mai immerhin noch 703.

Weiterer Widerspruch: Künftig sollen in Alfeld nur noch zwei statt bislang vier Rettungswagen stationiert sein. Diese würden nach den Berechnungen von Gutachter Behrendt lediglich zu 25 Prozent ausgelastet sein. Allerdings hat ein Notfallsanitäter aus Alfeld die Fahrtenbücher ausgewertet und festgestellt, dass es an jedem einzelnen Tag zwischen ein und fünf Paralleleinsätze der Alfelder Wache gab. Dies könnte zu Problemen führen, wenn nur noch zwei Rettungswagen verfügbar sind.

Thema soll noch einmal öffentlich beraten werden

All dies ließ die Politikerinnen und Politiker merklich aufhorchen. Das eine sei das Gutachterlich-Wissenschaftliche, sagte Dirk Bettels (CDU): „Das andere ist das, was die Leute sagen, die damit tagein, tagaus zu tun haben.“ Und Unabhängigen-Fraktionschef Josef Stuke betonte: „Es ist offensichtlich geworden, dass der Plan nicht zu einer Verbesserung führt, sondern zu einer Verschlechterung.“

Nach einer Sitzungsunterbrechung bat Martin Hauk (SPD) im Namen der Mehrheitsgruppe schließlich darum, den Beschluss zu dem Plan von der Tagesordnung zu nehmen und das Thema erneut im Kreistag beraten zu lassen.

Damit rannte er bei der Ersten Kreisrätin Evelin Wißmann wohl offene Türen ein. „Das machen wir gerne“, sagte die Stellvertreterin von Landrat Bernd Lynack. Sie zeigte sich „sehr überrascht“ von der Tatsache, dass die Einsatzfahrten nach Delligsen im Gutachten nicht berücksichtigt worden sind. Auch die zahlreichen parallelen Einsätze der Alfelder Rettungswache müssen nach ihrer Ansicht bei den Planungen stärker berücksichtigt werden. Der weitere Zeitplan sieht nun vor, dass das Gutachten noch einmal überarbeitet wird und das Thema bei der Kreistagssitzung am 20. März erneut auf die Tagesordnung kommt. „Wir brauchen dann als Verwaltung tatsächlich eine Entscheidung“, mahnte Wißmann. Denn sonst könnten die nötigen Ausschreibungen nicht mehr rechtzeitig für den geplanten Start des neuen Rettungsdienstplans am 1. Januar 2026 erfolgen.

Kommentar: Sitzung kann Vorbild auch für andere Themen sein

Rettungsdienstbedarfsplan klingt sperrig und bürokratisch – und ist es auch. Aber es geht hier um Leben und Tod. Je schneller die Einsatzkräfte beim Patienten sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er ohne Folgeschäden überlebt. Es ist daher gut, dass die Politiker den Rettungsdienst-Beschäftigten zugehört haben – und aus dem Gehörten Konsequenzen ziehen. Eine rechtssichere Bedarfsplanung ist natürlich vorgeschrieben und auch wichtig. Aber die darf nicht nur am Reißbrett entstehen. Die Ausschussitzung am Donnerstag kann daher auch Vorbild sein für künftige Beschlüsse: Sich Zeit zu nehmen, die Menschen aus der Praxis anzuhören, kann bei wichtigen Themen nie schaden.

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