Sibbesse - In der Vereinskneipe des TSV Sibbesse riecht es nach Geschichte. An der Theke sitzen einige Gäste aus dem Ort. Es wird gesprochen – über Fußball, aber auch über die kleinen Geschichten des Alltags. Biere gehen über die Theke, in der Küche brutzeln Currywurst und Pommes. Sabine und Markus Scheibe begrüßen Gäste, wechseln ein paar Worte und sorgen für die vertraute Atmosphäre. Es ist kein Trainingsabend, kein Spieltag. Und doch zeigt sich an einem solchen Mittwochabend, wie der Verein lebt – und wo das Ehrenamt pulsiert. Mittendrin: Roman Woyciechowski. So wie seit vielen Jahren.
Aus der Landesliga in die Kreisklasse
„Für mich ist das hier mehr als Fußball“, sagt Woyciechowski. Und man glaubt dem 36-Jährigen jedes Wort. „Es fühlt sich einfach ein wenig wie Zuhause an“, erklärt er. Seit 14 Jahren prägt der inzwischen in Westfeld wohnhafte Ingenieur für Wasser und Boden die Fußballsparte des TSV Sibbesse. Als Woyciechowski 2012 vom damaligen Landesligaaufsteiger SV Alfeld in seinen Heimatort zurückkehrte, war nicht absehbar, dass daraus eine Ära entstehen würde.
„Ich hatte damals meine vierte Knie-OP mit einem schlimmen Meniskus- und Knorpelschaden überstanden. Da war für mich klar, dass ich nicht mehr auf Landesliga- oder Bezirksniveau spielen wollte“, erinnert sich Woyciechowski. Der Weg zurück sei zu lang gewesen. „Und außerdem dachte ich mir: ‚In Sibbesse ist es auch schön‘“, erzählt er und lacht.
Achterbahnfahrt mit Höhen und Tiefen
Was als Übergang in ruhigere Fußballzeiten gedacht war, entwickelte sich schnell zu einer rasanten Achterbahnfahrt. So führte Woyciechowski die Sibbesser Fußballer – auch in verschiedenen Spielgemeinschaften – von der 3. Kreisklasse bis in die 1. Kreisklasse. „Das war eine unfassbare Reise mit vielen Höhen und Tiefen“, erinnert sich der 36-Jährige. Zu den jüngsten Highlights gehört der 2:1-Derbysieg in Eberholzen. „Ich habe in all den Jahren nur ein Derby verloren. Darauf bin ich schon ein wenig stolz“, sagt er und schmunzelt.
Doch nicht nur sportlich hinterließ Woyciechowski Spuren. „Wenn wir ehrlich sind, ist man auf diesen Ebenen immer ein bisschen Trainer, Manager und Organisator zugleich“, erklärt er. Gerade in kleineren Vereinen gehe es darum, Verantwortung zu übernehmen und den Laden zusammenzuhalten. „Hier funktioniert vieles nur, wenn mehrere Leute anpacken. Mir war immer wichtig, dass wir als Verein zusammenbleiben.“
Der TSV Sibbesse ist dabei mehr als nur ein Fußballverein. Als Breitensportverein werden hier unter anderem Laufen, Basketball, Schwimmen, Turnen und Volleyball angeboten. Viele Sparten, viele Ehrenamtliche – und ein gemeinsamer Treffpunkt. Auch deshalb ist die Vereinskneipe an diesem Abend mehr als nur ein Ort für Fußballer, sondern ein Stück Dorfleben. Und mittendrin steht seit vielen Jahren Roman Woyciechowski – als eine der prägenden Figuren dieses Vereinslebens. Doch genau diese Rolle verändert sich nun.
Nachfolger mit großen Ambitionen
Dass Woyciechowskis Zeit als Trainer sich dem Ende neigt, ist an diesem Abend spürbar. Neben ihm sitzt Benjamin Fredrich. Der Eberholzer übernimmt im Sommer die SG Sibbesse/Westfeld. „Roman hat hier über all die Jahre enorm viel aufgebaut“, lobt Fredrich. „Er hat die Mannschaft immer wieder neu geformt – und zugleich den Verein mitentwickelt.“
Der Schritt sei ihm dennoch nicht leichtgefallen. „Eberholzen ist mein Heimatverein“, sagt Fredrich. „Aber ich habe nochmal Blut geleckt.“ Die Voraussetzungen in Sibbesse seien vielversprechend. „Die Anlage ist der Wahnsinn und auch die Mannschaft ist wirklich gut. Und außerdem steht mir Roman weiter zur Seite“, sagt Fredrich. „Vielleicht kann ich ihn ja doch noch einmal zu einem Einsatz überreden“, ergänzt er mit einem Augenzwinkern. Woyciechowski winkt ab. „Es juckt natürlich noch in den Füßen. Aber ich muss vernünftig bleiben. Erst einmal will ich Abstand gewinnen.“
Erfolg mit dem Frauenteam
Ganz ohne Fußball wird es für ihn dennoch nicht gehen. Auch nach dem Sommer bleibt Woyciechowski dem lokalen Fußball erhalten. Gemeinsam mit Jan Pistoor trainiert er die Frauenmannschaft der SG Sehlem/Westfeld, führte sie jüngst mit einem 3:0 gegen die SSV Förste ins Halbfinale des Kreispokals. „Ich kann einfach nicht ganz ohne“, sagt er und lächelt. „Dafür macht mir das Ganze zu viel Spaß.“ Zudem trainiert er dort seine Freundin Emely Hauch, die zugleich Spartenleiterin beim SV Westfeld ist. Ein Abschied auf Raten also. „Nach aktuellem Stand werde ich Sibbesse auch nicht mehr verlassen“, sagt der 36-Jährige ruhig. „Dafür sind mir der Verein und das Umfeld einfach zu wichtig geworden.“
Dass Woyciechowski in Sibbesse mehr ist als „nur“ Trainer, zeigt sich an diesem Abend ganz nebenbei. Immer wieder kommen Gäste an den Tisch, wechseln ein paar Worte. 14 Jahre Spielertrainer bedeuten schließlich weit mehr als Aufstellungen und Trainingseinheiten – es geht um Gespräche, schwierige Phasen und Zusammenhalt.
Während an der Theke weiter gelacht wird und Sabine und Markus Scheibe Getränke servieren, sitzt Woyciechowski neben seinem Nachfolger und spricht über die Zukunft. Ein ganz normaler Mittwochabend in Sibbesse – und doch einer, der zeigt, wie sehr Persönlichkeiten wie Roman Woyciechowski einen Verein prägen können. Und warum das Ehrenamt beim TSV Sibbesse das Herzstück bleibt.
Von David Paasche




