Nach viel Zuversicht

Überraschendes Aus für Seniorenheim in Winzenburg – 60 Beschäftigte verlieren ihre Arbeit, 45 Bewohner ihr Zuhause

Alfeld/Winzenburg - Für 60 Beschäftigte und 45 Bewohner ist es ein Schock: Zwei Seniorenheime sollen zwangsversteigert werden, die Eigentümerin will den Betrieb innerhalb weniger Wochen einstellen. Alle Hintergründe.

Der Seniorenpark Winzenburg stellt den Betrieb Ende Juli ein. Foto: Julia Moras

Alfeld/Winzenburg - Nachdem im vergangenen Sommer bereits das Alfelder Seniorenheim Domizil an der Leine seinen Betrieb einstellen musste, hat Geschäftsführer Uwe Bläsing nun auch das Aus für die zweite Einrichtung verkündet: den Seniorenpark Winzenburg, ein Traditionshaus mit jahrzehntelanger Geschichte im Fredener Ortsteil.

In einer Personalversammlung am Dienstag kündigte Bläsing an, den Betrieb bis zum 31. Juli einzustellen. Zur Frage, wie die Beschäftigten die Nachricht aufgenommen haben, sagt er: „Überwiegend sind hier Tränen geflossen.“ Für die 60 Angestellten bedeutet das jähe Ende des Betriebs die Kündigung. Die 45 Bewohnerinnen und Bewohner müssen nun zeitnah ein neues Zuhause finden.

Bewohner sind geschockt

„Wir sind alle geschockt“, sagt ein Bewohner des Heims, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Ich habe das durch Zufall mitgekriegt, weil sich das Pflegepersonal darüber unterhalten hat.“

Der 75-Jährige lebt seit vier Jahren im Seniorenpark Winzenburg. Vor seinem Einzug habe er bereits zwei andere Einrichtungen kennengelernt – dort jedoch keine besonders guten Erfahrungen gemacht.

Zukunft der Angestellten bedroht?

In Winzenburg habe er sich wohl gefühlt. Zwar habe er kein W-Lan, aber ein schönes Zimmer mit Fernseher. „Eigentlich sollte jetzt am Sonnabend das Sommerfest sein. Aber das wurde nun auch abgesagt.“

Er sorge sich auch um die Zukunft einiger Angestellter. Für das Pflegepersonal sei es ja nicht so schwierig, eine neue Stelle zu finden, aber für die Hilfskräfte sehe das schon wieder ganz anders aus. „Die eine Frau hat gesagt, sie könne sich eigentlich gleich den Strick nehmen.“

Heimaufsicht muss helfen

Wie es für ihn weitergehe, wisse er noch nicht, sagt der Heimbewohner. „Vielleicht geht es nach Alfeld, vielleicht nach Gronau.“ Das müsse er mit seiner Betreuerin besprechen. Viele Verwandte hat der 75-Jährige nicht mehr. „Meine Frau – wir waren 28 Jahre verheiratet – ist leider schon mit 65 gestorben.“ Seine Schwester lebe in Hannover. Und dann gebe es noch eine Schwägerin in Bayern.

„Den Umzug in eine andere Einrichtung müssen wir den Bewohnenden ermöglichen“, sagt Geschäftsführer Bläsing. Innerhalb von vier bis sechs Wochen soll das geschehen. Das regeln gesetzliche Vorschriften. „Da muss auch der Landkreis Hildesheim mit der Heimaufsicht für alternative Angebote sorgen.“

Eigentümerin lange insolvent

Beim Personal muss Bläsing allerdings auf die individuellen Kündigungsfristen achten. „Wenn jemand zwanzig Jahre da ist, hat er vier Monate Kündigungsschutz.“

Bläsing ist nicht nur Geschäftsführer der Seniorenpark Winzenburg GmbH (SPW), die beide Heime betrieb – das in Winzenburg und das in Alfeld. Er ist auch Geschäftsführer der Eigentümerin beider Immobilien, der Tebo Sozialimmobilienbau GmbH (Tebo). Für die hatte Bläsing bereits im Juni 2023 Insolvenz beantragt, nur drei Monate nachdem er die Geschäftsleitung übernommen hatte. Damals hatte der neue Geschäftsführer noch betont, die Insolvenz der Tebo bedrohe die SPW nicht.

Gehaltskürzungen halfen nicht

Als er ein gutes Jahr später, zum 31. August 2024, den Betrieb der Alfelder Einrichtung beendete, tat er dies nach eigener Aussage, um zu verhindern, dass die SPW als Betreiberin beider Heime ebenfalls in die Insolvenz gerät. Der Heimbetrieb in Winzenburg sollte weitergehen – in Alfeld nicht.

Doch trotz der Entlassungen in Alfeld sowie Gehaltskürzungen und Anpassungen der Pflegesätze in Winzenburg sei das Heim nie in die Wirtschaftlichkeit gekommen. Das hatte offenbar mehrere Gründe.

Haus war nie voll belegt

Seit er das Haus übernommen habe, sei es nie voll belegt gewesen, berichtet Bläsing. „Zwei Zimmer waren nicht benutzbar wegen eines Wasserschadens. Am Ende hatten wir eine Belegung, die die Kosten nicht einspielte.“

Hinzukam auch, dass das Haus bis heute eine Reihe an baulichen Mängeln aufweist. Die Tebo hatte lange vor der Geschäftsübernahme durch Uwe Bläsing damit begonnen, die Immobilie in Winzenburg zu sanieren. Zu einem Abschluss kamen die Arbeiten jedoch nicht.

Bauarbeiten nie beendet

„Wenn sie dort durchgehen, hängt überall noch das Zellophan von der Decke“, berichtet Bläsing. Das beeinträchtigt nicht nur den Komfort der Bewohnenden. „Wenn die baulichen Anforderungen nicht erfüllt werden, macht uns die Heimaufsicht den Laden irgendwann zu.“

Bislang hatte die offenbar vor dem Hintergrund der Insolvenz immer wieder Aufschub gewährt. Während eines Insolvenzverfahrens können keine neuen Investitionen getätigt werden.

Insolvenzplan nicht umsetzbar?

Ziel der Insolvenz ist es, möglichst viel der offenen Schulden an die Gläubiger zurückzuzahlen. Das kann erreicht werden, indem das Unternehmen saniert und damit zurück in die Wirtschaftlichkeit geholt wird. Oder indem es zerschlagen und zu Geld gemacht wird.

Uwe Bläsing hatte von Anfang an auf eine Sanierung der Tebo gehofft und zusammen mit seinen Anwälten einen Insolvenzplan erarbeitet, der das ermöglichen sollte. Doch genau diesen hält der Insolvenzverwalter Torsten Martini aus Berlin nicht für zielführend, wie er im Gespräch mit der Redaktion erklärt.

Plötzlich die Zwangsversteigerung

Und so kam es, dass Bläsing durch einen Brief vom Amtsgericht Alfeld erfuhr, dass Martini die Zwangsversteigerung beider Häuser beantragt hatte. „Ich musste die Zwangsversteigerung beantragen, weil ich als Insolvenzverwalter zur Verwertung der Masse verpflichtet bin“, sagt Martini. Er sieht darin jedoch keinen Anlass, den Betrieb des Seniorenheimes einzustellen. „Ich habe dies weder verlangt noch gab es einen Grund, hier so schnell tätig zu werden.“

Tebo-Chef Bläsing sieht das anders. Wegen der beantragten Zwangsversteigerung, sei die Zukunft des Hauses ungewiss. Denkbar, so sagt es Bläsing, dass ein neuer Besitzer eine Spezialklinik für Lungenkranke daraus machen wolle oder ähnliches. „Solange die Situation mit den Häusern unklar ist, können wir die notwendigen Investitionen nicht tätigen, die es bräuchte, um den Betrieb überhaupt weiterzuführen“, sagt Bläsing.

Die Akteure im Hintergrund

Mit „Wir“ meint Bläsing jene Akteure im Hintergrund, auf deren Geheiß er die Geschäfte der Tebo im April 2023 übernommen hatte – die Eisen-Gruppe. Die ist mit mehreren Millionen Euro Hauptgläubiger der Tebo. Bläsing agiert in einer Art Personalunion als Interessenvertreter der Gläubiger und als Geschäftsführer der Schuldnerin. Hintergrund dieser Verstrickungen ist das Scheitern der Tebo unter der Leitung seiner Vorgängerin Ulrike Tenner, ehemals Borsch und ihres Ex-Mannes Bernd Richard Tenner.

Metaphorisch gesprochen ist die Geschichte der Tebo ein bisschen so wie die der Hindenburg; am Anfang war da große Hoffnung – und am Ende steht alles in Flammen. Tebo, das steht inoffiziell für Tenner und Borsch. Beide – Bernd Tenner und Ulrike Tenner (ehemals Borsch) – haben das sinkende Luftschiff verlassen, kurz bevor es Feuer fing.

Die Eisen-Gruppe macht Druck

Im Fall Ulrike Tenners geschah das nicht ganz freiwillig, sondern auf Druck der Eisen-Gruppe. Die hätte andernfalls den Geldhahn zugedreht, berichtet Bläsing. Bernd Tenner war auf dem Papier ohnehin nie für die Tebo tätig. In der Öffentlichkeit trat er als Projektentwickler auf oder als Investor. Als solcher wollte er anfangs in Kauf und Sanierung beider Häuser 17 Millionen Euro stecken, tat er öffentlich kund. Im April 2023, kurz bevor Ulrike Tenner auf Druck der Eisen-Gruppe Uwe Bläsing zum neuen Geschäftsführer machte, war bereits von 22 Millionen Euro die Rede.

Wenn man sich bei jenen umhört, die lange versuchten, das Feuer zu löschen, um den Zeppelin in der Luft zu halten, scheint man sich einig zu sein, wer den initialen Funken gezündet hatte, bevor alles explodierte: Das Ehepaar Tenner. Beweisen lässt sich das allerdings schwer.

„Das Haus in Winzenburg ist mal sehr solide gewesen“, sagt Bläsing. „Seit der Übernahme hat Herr Tenner die Substanz verbraten und versucht, andere Sachen damit kozufinanzieren.“ Etwa ein Privatgrundstück in Brandenburg, in dem Ulrike Tenner bis heute wohnen soll. Weil das Ehepaar sich das Geld dafür von der Eisen-Gruppe privat geliehen, aber die Tebo dafür ins Grundbuch eingetragen haben soll, wirft der neue Tebo-Chef Ulrike Tenner Betrug vor. Außerdem soll sie ihm die Übernahme erschwert haben. Wichtige Firmenunterlagen, die nötig gewesen seien, um sich ein umfassendes Bild von der Gesellschaft zu machen, habe sie nicht herausgeben wollen. Zu Notarterminen sei sie nicht erschienen. So habe er die Insolvenz erst knapp drei Monate nach Geschäftsübernahme beantragen können, sagt Bläsing. Wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung hat kurz darauf, am 9. August 2023, die Staatsanwaltschaft Berlin ein Ermittlungsverfahren gegen Ulrike Tenner und Uwe Bläsing eingeleitet.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Gegen Ulrike Tenner ermittelt die Strafverfolgungsbehörde außerdem seit dem 24. August 2023 wegen des Verdachts des Betruges, teilt Oberstaatsanwalt Sebastian Büchner mit. Die Ermittlungen dazu dauern an, heißt es aus Berlin

Gegen Bernd-Richard Tenner, der im gesamten Firmengeflecht offiziell nie eine Position innehatte, ist kein Ermittlungsverfahren anhängig. Beide, Ulrike und Bernd Tenner, waren für Rückfragen dieser Redaktion nicht zu erreichen.

Wie geht es weiter?

Wenn es zur Zwangsversteigerung der Häuser in Alfeld und Winzenburg kommt, hofft Bläsing, dass die Eisen-Gruppe beide ersteigern kann. Was im Prinzip bedeuten würde, dass das Geld von der linken in die rechte Hosentasche wandern würde. Käme es dazu, würde Bläsing versuchen, in beiden Häusern ein Mischkonzept aus stationärer Pflege, Tagespflege und sogenannten Altenwohngruppen umzusetzen. Hätte es die Tebo ohne Zwangsversteigerung aus der Insolvenz geschafft, wäre das ohnehin sein Plan gewesen, sagt er. Sollten jedoch andere Interessenten die Eisen-Gruppe überbieten, wäre die Zukunft beider Häuser wieder ungewiss.

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