40 Jahre Kontakt e.V

Wenn junge Leute straffällig werden: In Alfeld setzt sich ein Verein für die Täter – aber auch für die Opfer ein

Alfeld - Vor 40 Jahren hat der Kontakt e.V. ganz klein in Alfeld begonnen. Heute ist er aus dem hiesigen Rechtssystem nicht mehr wegzudenken. Für die Zukunft gilt es aber neue Herausforderungen zu meistern.

Ilka Papendorf (rechts) und Arend Hüncken berichten von ihren Erfahrungen mit dem Täter-Opfer-Ausgleich. Links Helga Rosenberg, zweite Vorsitzende des Kontakt e. V. Foto: Thomas Jahns

Alfeld - Was 1985 in Alfeld in kleinem Rahmen begonnen hat, ist nach 40 Jahren zu einem Erfolgsmodell im Jugendstrafrecht geworden: der Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) des Vereins Kontakt e. V. 1991 wurde der Täter-Opfer-Ausgleich in das Jugendgerichtsgesetz (JGG) aufgenommen. Das war aus Sicht des Vereins ein Meilenstein. Finanziell wird der Verein vom Landkreis Hildesheim und vom Land Niedersachsen gefördert. Damit steht der Verein im Moment auf sicheren Füßen – doch das war nicht immer so.

„In den 1980er-Jahren gab es erstmals pädagogische Modelle, um mit Jugendstraffälligkeit umzugehen“, erinnert sich Ilka Papendorf. Sie ist seit 1991 Mitarbeiterin im Kontakt e. V. Die hauptsächliche Zielgruppe bei den Straftätern seien Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 14 und 21 Jahren.

Hohe Erfolgsquote

„Etwa 95 Prozent der jugendlichen Straftäter werden später in das normale gesellschaftliche Leben integriert. Fünf Prozent gleiten in die Kriminalität ab“, verweist Papendorf auf die Statistik. Und noch etwas ist auffällig. Nach den Erfahrungen der Mitarbeiter kommen die straffällig gewordenen Jugendlichen aus allen Schichten der Gesellschaft. „Für die Justiz ist der TOA die Möglichkeit, Täter und Opfer zusammenzubringen“, erläutert Arend Hüncken, Mitarbeiter im Kontakt e. V. seit 1998. Er, Ilka Papendorf und Bettina Adamietz teilen sich zwei Vollzeitstellen in Teilzeit.

„Die Erfolgsquote liegt zwischen 60 bis 70 Prozent“, sagt Papendorf. Vom ersten Brief bis zum letzten Handshake oder bis zum Eingang des Geldes auf dem Konto des Opfers sei es ein Prozess.

In welchen Fällen wird der Täter-Opfer-Ausgleich tätig? „Die Bandbreite an Straftaten reicht von Beleidigungen in sozialen Medien über Körperverletzungen, Nötigungen, Raub bis hin zu versuchtem Totschlag oder in Einzelfällen zu Sexualdelikten“, erklärt Hüncken und ergänzt: „Der TOA hat nichts mit der Schwere der Tat zu tun“. Es gebe viele Fragen des Opfers, die nur einer beantworten könne und das sei der Täter, so Papendorf und fügt hinzu: „Wenn wir feststellen, dass jemand massiv betroffen ist, dann vermitteln wir die Personen an entsprechende Fachleute. „Wir sind keine Therapeuten.“

Geringe Rückfallquote

Was 1985 als eine neue Idee in Alfeld startete, ist jetzt nach Ansicht der Mitarbeiter eine „erprobte Methode“. Die statistische Auswertung beweise die hohe präventive Wirkung des Täter-Opfer-Ausgleichs. „Der TOA hat die geringste Rückfallquote aller juristischen Strafmaßnahmen“, betont Papendorf nicht ohne Stolz in der Stimme.

Was sind die Herausforderungen in den nächsten zehn bis 15 Jahren? „Die Art der Kommunikation ändert sich durch die fortschreitende Digitalisierung“, sind beide Mitarbeiter überzeugt. Vor allem die Erreichbarkeit der jungen Leute verändere sich. Die digitale Kontaktaufnahme werde normal. Da sollte sich auch die Sozialarbeit ändern. Wichtig aus Sicht der Fachleute: Es müsse auch weiterhin die Möglichkeit zum persönlichen Kontakt zwischen Täter und Opfer geben.

Was ist der Täter-Opfer-Ausgleich?

Es besagt schon der Name, was hinter dem Täter-Opfer-Ausgleich steckt: Es ist ein Angebot an die Beteiligten eines Strafverfahrens, gemeinsam über das Geschehene zu sprechen und einen Ausgleich zu erarbeiten. Das kann zum Beispiel in einem gemeinsamen Gespräch geschehen, in dem Täter und Opfer die Form einer Wiedergutmachung vereinbaren. Solche Kontakte gibt es aber nur, wenn alle Beteiligten mit dem Kontakt einverstanden sind. Eine klärende Begegnung macht nach Ansicht der Fachleute nur dann Sinn, wenn Täter und Opfer bereit sind, sich zuzuhören.

Von Thomas Jahns

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