Gastronomie

Zu schade zum Wegwerfen: In Alfeld bieten immer mehr Lokale ihre Reste in günstigen Überraschungstüten an

Alfeld - Bäckereien, Tankstellen, Hotels und Restaurants in Alfeld locken kurz vor Feierabend mit einem nachhaltigen Angebot: die Reste zum Spottpreis in einer Überraschungstüte. Das steckt dahinter und so funktioniert es.

Peter Freier ist aus Diekholzen ins Alfelder Restaurant Bella Masa gefahren, um zwei Überraschungstüten abzuholen. Mitarbeiterin Ezgi Akyol erklärt, dass sie sich davon auch neue Kundschaft im regulären Betrieb erhoffen. Foto: Nathalie Benkendorf

Alfeld - Es ist unausweichlich an Buffets: Lebensmittelverschwendung. „Man muss ja immer auffüllen“, erklärt Ezgi Akyol vom Alfelder Restaurant Bella Masa. Und wenn die Gäste satt sind, bleiben halt Reste. Deswegen machte Akyol vor einer Woche den Vorschlag, die Reste in Überraschungstüten per App zu verkaufen. Genauer gesagt über „Too Good To Go“ (TGTG).

Die Plattform wurde vor neun Jahren in Kopenhagen gegründet. Das Konzept: Geschäfte, in denen Reste anfallen, verkaufen diese für einen günstigen Preis kurz vor Feierabend, statt sie wegzuwerfen. Ziemlich einfach, aber einzigartig, weswegen die App wahrscheinlich bis heute immer weiter wächst. Auch in Alfeld wird sie immer beliebter.

Reservierung in der App

Teilnehmen können Restaurants, Hotels, Tankstellen, Bäckereien, Lebensmittelgeschäfte und sogar Baumärkte – schließlich werden dort häufig Pflanzen weggeworfen. Die Kunden reservieren die Überraschungstüten per App und holen sie dann ab, ohne zu wissen, was drin ist. Dafür zahlen sie im Schnitt über 50 Prozent weniger, als die Waren wert sind. Laut Julia Nikschick, Pressesprecherin von TGTG, wurden in Deutschland bis heute über 70 Millionen solcher Tüten verkauft.

In Alfeld nehmen circa 15 Lokale teil. Das erste war das Hotel am Schlehberg. „Ich bin vor fast zehn Jahren durch Facebook darauf aufmerksam geworden“, erklärt Inhaber Kai Schubert. „Vom Frühstück blieb immer viel übrig, aber eigentlich haben wir bis dahin alles weiterverwertet“, sagt er. „Wir machen eher für die Werbung mit. Das Hotel ist hier auf dem Berg und so gibt es einen Anreiz, auch mal hochzukommen.“ Und das klappt: Schubert habe bereits erlebt, dass TGTG-Kunden später einen Tisch reservierten.

Nachhaltigkeit, Schnäppchen und Neugierde locken Kundschaft

Die Frühstücks- oder Mittagstüten locken derweil sogar Menschen aus Einbeck an – dort sei die App weniger vertreten. „Die Kunden sind ein bunter Mix. Manchen geht’s tatsächlich um den Nachhaltigkeitsaspekt, andere sind Schnäppchenjäger, wieder andere wollen einfach mal unser Essen probieren“, erklärt der Hotelier. Aber: Auch wenn der Aufwand gering sei, er sei immer noch da. „Und wenn in der App etwas geändert wird, müssen wir unsere Arbeitsabläufe anpassen.“ Trotzdem ist Schubert überzeugt von dem Konzept, versichert er.

Dem Hotel folgten schnell mehr Alfelder Geschäfte auf die Plattform. So auch der Nah&Gut-Supermarkt in Sibbesse. Die Idee kam von einer Kundin, erklärt Marktleiterin Sandra Herbst: „Das ist jetzt genau drei Jahre her und es funktioniert prima.“ In den Tüten landen Produkte, die sonst ablaufen würden. Für 4,50 Euro gibt es beispielsweise eine Tüte mit Käse, Obst, Gemüse und Brot – manchmal auch Sushi. Außerdem gibt es Fleischtüten, in denen nur Fleisch und Wurstwaren sind.

Eine Mülltonne weniger im Supermarkt

In dem Supermarkt habe das Angebot schon Stammkunden, solche, die aus überzeugter Nachhaltigkeit die Tüten kaufen. „Wir haben viel weniger Müll dadurch“, sagt Herbst begeistert. „Seit Einführung der App konnten wir eine grüne Tonne abbestellen und sparen dadurch viel Geld.“

So weit ist es in dem Familienbetrieb Bella Masa noch nicht. „Aber man merkt schon einen Unterschied“, erklärt Mitarbeiterin Akyol. Um Gewinn gehe es dabei weniger – für je knapp sechs Euro verkaufen sie täglich drei Tüten, zwei Euro davon landen bei TGTG. Dazu kämen Teilnahmegebühren. Laut Akyol kein Problem: „Dafür werden Leute auf uns aufmerksam.“

Glückssache

Am Donnerstag holt Peter Freier aus Diekholzen zwei Tüten ab. Er ist seit vier Jahren TGTG-Kunde – aber das erste Mal bei Bella Masa. „Ich bin beim Stöbern zufällig drauf gestoßen“, sagt er. Auch er finde die Nachhaltigkeit gut, die Schnäppchen ebenfalls. „Und bis jetzt hatte ich noch keinen Reinfall, sondern immer Glück.“

Damit gemeint ist der Überraschungsfaktor, der zwingendermaßen zu dem Konzept gehört. „Am Anfang haben sich Kunden noch beschwert, dass nicht genug in den Tüten drin ist“, berichtet Akyol. „Aber jetzt packen wir sie randvoll.“

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