HAZ-Forum zur Landratswahl

Der Abgang eines Kandidaten: Christopher Gedeon verlässt das HAZ-Forum nach der Vorstellungsrunde – Hintergründe und das Video

Hildesheim - Mit heftigen Vorwürfen an die Hildesheimer Allgemeine Zeitung hat der parteilose Landratskandidat das HAZ-Forum verlassen. Zurück blieben konsternierte Wettbewerber und ein Publikum, das ihm keine Fragen stellen konnte. Die Hintergründe eines turbulenten Abends – und die Szenen im Video.

Das Mikro weg und raus: Christopher Gedeon verlässt das HAZ-Forum, mehrere Unterstützer folgen ihm. Im Hintergrund Moderator Rainer Breda. Foto: Clemens Heidrich

Hildesheim - Es war ein Abgang mit Knalleffekt. Christopher Gedeon, der parteilose, von der CDU nominierte Landratskandidat, hat am Dienstagabend nach der Vorstellungsrunde das HAZ-Forum zur Landratswahl im Kreishaus verlassen. Gedeon gab als Grund dafür Zweifel an der Neutralität des berichterstattenden Redakteurs, der Redaktion und des Veranstaltungsformats an. Inhaltlichen Fragen der Redaktion und des Publikums stellte sich Gedeon nicht.

Der 44-jährige Gedeon, der als Richter am Hildesheimer Amtsgericht arbeitet, wirkte im Großen Sitzungssaal schon vor seinem Abgang angespannt. Als die beiden Moderatoren, die HAZ-Redakteure Thomas Wedig und Rainer Breda, mit ihm und seinen Mitbewerbern Matthias Brinkmann (Grüne) und Amtsinhaber Bernd Lynack (SPD) vor Veranstaltungsbeginn über die Regeln sprachen, wandte sich Gedeon mehrfach ab, ebenso, als beim Forum zwei kurze Einspielfilme gezeigt wurden. Er wirkte ernst, blickte wiederholt auf einen kleinen Zettel, den er vorbereitet hatte.

Zwei Vorwürfe auf dem Podium, dann kommt der Abgang

Als Moderator Wedig ihn dann zu seiner Motivation befragte, den Richterberuf gegen das Amt des Landrats zu tauschen, ging Gedeon zum Angriff über. Leider sei ihm am Samstag bekannt geworden, dass dem Redakteur von der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung, dem die Berichterstattung über den Abend anvertraut wurde, „diffamierende Äußerungen über meine Person im Internet gefallen“. „Und daneben ist es so, dass einer der Diskussionsteilnehmer mir in einer E-Mail angekündigt hat, schriftlich falsch über mich zu berichten, wenn ich mich nicht entsprechend seinen Wünschen verhalte.“

Das beides seien Umstände, die dazu geführt hätten, dass er persönlich den Eindruck gewonnen habe, „dass hier in diesem Format die Neutralität, eine faire Diskussion und auch eine objektive Berichterstattung“ nicht gewährleistet seien: „Und deswegen entscheide ich mich, im weiteren Verlauf nicht mehr an dieser Diskussionsrunde teilzunehmen.“ Anschließend setzte Gedeon sein Headset ab und verließ mit einer Reihe seiner Unterstützer den Saal.

Der Instagram-Post vom Bündnis gegen Rechts

Gedeons Kritik am geplanten Einsatz des Redakteurs Sebastian Knoppik als Berichterstatter über das Forum war der Redaktion bekannt. Dass er Zweifel an der Neutralität des Reporters habe, hatte Gedeon in zwei Telefongesprächen mit der Chefredaktion deutlich gemacht – einmal am Samstag und einmal am Dienstagvormittag vor dem Forum. Zu keinem Zeitpunkt hatte der 44-Jährige dabei angedeutet, dass er deswegen nicht am Forum teilnehmen wolle, im Gespräch mit Chefredakteur Martin Schiepanski hatte er sogar noch gesagt, dass er keine Angst davor habe, dass falsch berichtet werde.

Hintergrund der Kritik des Kandidaten ist der Umstand, dass der Reporter mit seinem privaten Account einen am 11. August bei Instagram veröffentlichten Beitrag des Bündnisses gegen Rechts Leinebergland mit dem Herz-Button markiert hatte. Gedeon fühlt sich durch den Beitrag „Ein Kandidat wirft Fragen auf“ nach eigener Aussage diffamiert. Das Bündnis gegen Rechts Leinebergland wirft darin die Frage auf, wie überparteilich Gedeon angesichts der Unterstützung durch die CDU wirklich ist, und es bezweifelt zudem, ob ein Landrat wirklich ein „neutraler Fachmann“ sein könne. Die schärfste Kritik äußert das Bündnis an Gedeons Reaktion auf die öffentliche Unterstützung, die er für seine Kandidatur durch den AfD-Kreisverband erfahren hat. Gedeon hatte sich in seiner Reaktion nicht von der AfD distanziert und geschrieben: „Dass (vermutlich) alle Parteien das Kandidatenfeld sondieren und einordnen, dürfte eine politische Selbstverständlichkeit sein.“ Er trete im Übrigen nicht für parteipolitische Interessen an, sondern für seine eigenen programmatischen Schwerpunkte – konkret die Förderung der regionalen Wirtschaft, Stärkung von Sicherheit und Ordnung sowie für ein gerechtes Miteinander.

Der Vorwurf: Schweigen zum Beifall von Rechts

Das Bündnis gegen Rechts Leinebergland nannte diese Haltung Gedeons Schweigen zum Beifall von rechts: „Man kann sich nicht aussuchen, wer einen lobt, aber man kann als angehender oder amtierender Landrat sehr wohl entscheiden, ob man schweigend davon profitiert oder sich klar und öffentlich distanziert.“

Im Gespräch mit Gedeon hatte die Chefredaktion auf den Unterschied zwischen der persönlichen, privaten Meinung eines Redakteurs und dem davon völlig unabhängigen journalistischen Objektivitätsstandard verwiesen, der für alle Texte der Redaktion gilt.

Hinterher gibt es das Reel am Hohnsensee

Stirnrunzeln löste Gedeons nebulöser und bis dahin andernorts nicht thematisierter Vorwurf einer „angedrohten Falschberichterstattung“ aus. Er dürfte am ehesten auf einen Mailwechsel zwischen ihm und Politik-Redakteur Rainer Breda gemünzt sein. Breda hatte am 9. August über den Umstand berichtet, dass Gedeon auf seinen Wahlplakaten auf das CDU-Parteilogo verzichtet, anders als Evelin Wißmann, die bei der Kommunalwahl zuvor ebenfalls als Parteilose auf dem CDU-Ticket in den Wahlkampf gezogen war. Zu den Hintergründen hatte Breda Gedeon wie zuvor telefonisch vereinbart insgesamt acht schriftliche Fragen gestellt. Gedeon schickte darauf einen allgemein gehaltenen Antworttext, der auf keine der Fragen einging. Der HAZ-Redakteur fasste deshalb noch einmal nach: „Hallo Herr Gedeon, danke – aber Sie haben meine konkreten Fragen leider nicht beantwortet. Wir hatten diese Vorgehensweise besprochen und abgesprochen (…) Ich lasse Ihnen gern noch bis morgen um 11:30 Zeit. Erhalte ich dann keine Antworten, werden wir schreiben müssen, dass Sie sich zu dem Thema nicht äußern.“ Breda bot auch ein Telefongespräch an. Doch dazu kam es nicht. Gedeon verwies in einer weiteren E-Mail darauf, dass er sich sehr wohl geäußert habe – am Ende fand seine Replik Eingang in den Artikel.

Ob sich Gedeons Vorwurf wirklich auf diesen Mailwechsel bezieht, ist unklar. In einer gemeinsam mit dem CDU-Kreisvorsitzenden Justus Lüder unterzeichneten Mail kündigt Gedeon am Mittwochmittag an, sich zu konkreten Einzelfragen derzeit nicht äußern zu wollen. Man habe ein Rechtsgutachten initiiert, das die presserechtlichen Fragestellungen prüfen solle. Auch der CDU-Landesverband sei eingebunden.

Kurz nach dem Ende des Forums, das gut anderthalb Stunden ohne ihn weiterging, hat Christopher Gedeon ein Instagram-Reel gepostet, das ihn beim Sonnenuntergang in schwarzem T-Shirt, schwarzer Jeans und Sneakern am Hohnsensee zeigt („Diskussion verlassen – warum eigentlich?“): Er lässt sich darin für seinen Abgang loben und erneuert die Vorwürfe von zuvor. Seine Message: „Ich stehe beruflich für Objektivität, Neutralität und Fairness.“



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