Hildesheim - Medienschelte ist so alt wie die Massenmedien selbst. Kritik an unserer Arbeit ist willkommen, und sie fördert generell bessere Ergebnisse. Wir sind bei der HAZ immer offen für Gespräche. Dazu gehören auch harte Auseinandersetzungen. Solange die Debatte fair geführt wird – und das habe ich in meiner Zeit als Chefredakteur bei der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung ausschließlich so erlebt –, ist das am Ende für alle Beteiligten in der Regel gewinnbringend.
Am Dienstagabend mussten wir uns aber Vorwürfen aussetzen, die die Medienschaffenden an sich in ein schlechtes Licht rücken. So hat der parteilose Landratskandidat Christopher Gedeon beim HAZ-Forum im Kreissaal unserer Redaktion fehlende Neutralität unterstellt und die Bühne des HAZ-Forums verlassen. Er ließ die beiden Diskutanten, zwei Moderatoren und 200 Besucherinnen und Besucher, die für eine politische Diskussion gekommen waren, ratlos zurück. Mit seinen abstrus-wirren Andeutungen konnten die Anwesenden im Saal ohne Kontext unmöglich etwas anfangen.
Unmut über Social-Media-Beitrag
Der Vorgang bedarf also einer Erläuterung. Ausgangspunkt seines Unmuts ist ein Beitrag des Bündnisses gegen Rechts Leinebergland. Die Initiative thematisiert darin Gedeons Schweigen zur Wahlempfehlung der AfD für ihn. Der Social-Media-Beitrag wurde, wie es so üblich ist, von Menschen, die ihn gern gelesen haben, geliked, also als positiv bewertet. Darunter war auch HAZ-Redakteur Sebastian Knoppik mit seinem privaten Account. Daran wiederum hat sich Gedeon gestört, sodass er sich am Samstag per Mail und ohne konkrete Angabe an die Chefredaktion mit der Bitte um Rückruf wandte. Es folgte ein Telefonat mit meinem Stellvertreter Christian Wolters am Samstag, bei dem Gedeon die Neutralität jenes Redakteurs anzweifelte, der auch als Autor für die Berichterstattung für das HAZ-Forum zur Landratswahl am Dienstagabend vorgesehen war.
Es folgte nach Absprache ein weiteres Telefonat mit mir, dem Chefredakteur. Auf Gedeons Wunsch hin aber erst am Dienstag. Der Inhalt des Gesprächs war derselbe. Wir haben uns darüber kontrovers ausgetauscht. In unserem Gespräch hat er weder seinen Verzicht auf einen Auftritt beim Forum thematisiert noch die ursprüngliche Befürchtung bekräftigt, dass nicht neutral über ihn berichtet werde. Warum er den inszenierten Abgang am Dienstagabend einem klärenden Gespräch mit mir vorgezogen hat, bleibt sein Geheimnis.
Gezielt eingesetzte plumpe Medienschelte
Des Weiteren warf er einer Person, die am Dienstagabend auf dem Podium stand (so nebulös hat er sich ausgedrückt), vor, dass sie in einer E-Mail angekündigt habe, „falsch über mich zu berichten, wenn ich mich nicht entsprechend seinen Wünschen verhalte.“ Das ist eine glatte Lüge. Der E-Mail-Verkehr mit dem HAZ-Lokalpolitikchef Rainer Breda, auf den er sich mutmaßlich bezieht, liegt mir vor. Es ist bemerkenswert, wie ein Richter an dieser Stelle ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit in aller Öffentlichkeit offenbart. Diese plumpe Medienschelte, die in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen seit geraumer Zeit gezielt eingesetzt wird, trägt dazu bei, die Gesellschaft weiter auseinanderzutreiben.
Nun will ich aber auch ausdrücklich betonen, dass wir bei der HAZ nicht frei von Fehlern sind. Es ist in der Tat nicht klug, als Redaktionsmitglied privat während der Wahlkampfphase politische Beiträge anderer zu bewerten – unabhängig von den Akteuren und Inhalten. Allerdings ist es auch nicht verboten, als Privatperson eine eigene Meinung öffentlich zu vertreten. Mir ist klar, dass das eine Gratwanderung ist, und wir werden das Thema auch redaktionell kritisch aufarbeiten. Den pauschalen Vorwurf der fehlenden Neutralität weise ich aber entschieden zurück.
Ohne freie Presse keine funktionierende Öffentlichkeit
Neutralität ist kein Naturgesetz. Neutralität ist eine menschliche Kulturleistung, die man bewusst anwendet. Das ist die Essenz professionellen Handelns. Und diese Professionalität ist auch nicht verhandelbar. Wir werden weiter unbeirrt mit hohem Engagement und dem Anspruch von Ausgewogenheit über alles berichten, was in unserer Region relevant ist. Wir werden weiter ständig an uns und unseren Produkten arbeiten. Wir schreiben weiterhin Nachrichten, wir ordnen ein, wir bewerten - immer auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Denn eines kann man nicht deutlich genug betonen: Ohne freie Presse gibt es keine funktionierende Öffentlichkeit, und ohne diese keine Demokratie. Wer tatsächlich glaubt, dass er Öffentlichkeit herstellt, wenn er sich in seiner Social-Media-Blase bewegt, der irrt und leistet damit der Demokratie einen Bärendienst.
Wir vom Medienhaus Gerstenberg haben uns im Vorfeld der Kommunalwahl dazu entschieden, große HAZ-Foren in zehn Gemeinden, in denen ein Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin gewählt wird, und ein elftes in Hildesheim zur Landratswahl zu organisieren. Mit diesen Podiumsdiskussionen wollen wir unseren Beitrag zur politischen Bildung leisten. Die Kandidatinnen und Kandidaten bekommen in diesem Format eine Plattform, auf der sie sich unter professionellen Bedingungen darstellen können, die Gäste die Möglichkeit, in einem seriösen Rahmen Fragen zu stellen. Sämtliche Foren sind für alle Interessierten offen, sie können kostenlos besucht werden, und wir haben Video-Mitschnitte der am stärksten überbuchten Veranstaltungen frei zugänglich veröffentlicht. Mehr Transparenz ist kaum möglich.
Im Übrigen hätte Christopher Gedeon beim HAZ-Forum die Chance gehabt, einer großen Öffentlichkeit zu erklären, wie er zu der AfD-Wahlempfehlung steht. Diese Möglichkeit wollte er nicht nutzen.

