Neuer Bedarfsplan

Rettungsdienst im Kreis Hildesheim: Wichtige Änderung nach Problemen, Kritik und Gutachter-Panne

Kreis Hildesheim - Nach erheblicher Kritik an einem fehlerhaften Gutachten liegt der neue Bedarfsplan für die Organisation des Rettungsdienstes im Kreis Hildesheim vor. Er sieht für eine Rettungswache eine deutliche Aufstockung vor. Ein vorübergehender Rettungswagen-Standort soll künftig wieder entfallen.

Die Rettungswache Alfeld versorgt auch den Flecken Delligsen im Nachbarlandkreis Holzminden mit. Foto: Ulrich Meinhard

Kreis Hildesheim - An der Rettungswache in Alfeld soll künftig ein weiterer Rettungswagen stationiert werden: Das ist das wichtigste Ergebnis des überarbeiteten Gutachtens, das die Grundlage für den Rettungsdienst im Kreis Hildesheim ab dem 1. Juli 2026 bilden soll. Wie berichtet hatte der Gutachter in der ersten Version, die er im vergangenen Herbst vorlegte, den Flecken Delligsen vergessen – der gehört zwar zum Nachbarlandkreis Holzminden, wird aber vom Rettungsdienst des Landkreises Hildesheim mit versorgt. Dass Delligsen unberücksichtigt blieb, betrifft die Versorgung im gesamten Alfelder Raum – denn während der rund 1000 Einsätze jenseits der Kreisgrenze ist der entsprechende Rettungswagen schließlich auch in Alfeld und Umgebung nicht verfügbar.

Zusätzlicher Rettungswagen in Alfeld soll 56 Stunden pro Woche einsatzbereit sein

Der zusätzliche Rettungswagen soll nun in Alfeld montags bis donnerstags von 7 bis 19 Uhr und freitags von 7 bis 15 Uhr einsatzbereit sein, also zusammengerechnet 56 Stunden, die bisher nicht vorgesehen waren. Der Gutachter hat außerdem noch einmal die kreisweiten Einsatzdaten der zweiten Hälfte des Jahres 2024 ausgewertet. Denn die waren in die erste Version des Bedarfsplanes nicht eingeflossen – was Kritikern, besonders aus der von Notfallsanitätern gegründeten Arbeitsgemeinschaft (AG) Rettungsdienst Hildesheim, vor allem aus einem Grund fehlte: Weil die Notaufnahme des Alfelder Klinikums zum 1. Mai 2024 geschlossen wurde und das zum Teil zu längeren Fahrten für die Rettungswagen zu anderen Krankenhäusern führt.

Die Auswertung des gesamten Jahres 2024 zeigt die aktuellen Defizite des kreisweiten Rettungsdienstes nun noch deutlicher. Schon nach den Ergebnissen des im Herbst vorgelegten Gutachtens wurde der Patient oder die Patientin bei Einsätzen auf dem Land außerhalb der Stadt Hildesheim nur in 89,8 Prozent aller Einsätze innerhalb von 15 Minuten erreicht. Dieser Wert sinkt nach der neuen Auswertung weiter auf 89,4 Prozent – und liegt damit noch deutlicher als bisher unter der gesetzlichen Vorgabe von 95 Prozent. Die werden nur im Hildesheimer Stadtgebiet eingehalten, dort steigt die Quote nach der neuen Berechnung sogar von bisher 95,4 auf 95,8 Prozent. Für das gesamte Kreisgebiet, Stadt und Land, verschlechtert sich der Wert nach dem neuen Gutachten allerdings von 92,6 auf 92,1 Prozent.

In der Gemeinde Holle wird kein Rettungswagen der Bockenemer Wache mehr stationiert

Wegen der Schließung der Alfelder Notaufnahme, so ein weiteres Ergebnis der überarbeiteten Version, hält der Gutachter kein weiteres Aufstocken der Fahrzeugkapazitäten für nötig. Geprüft hat er außerdem, ob tagsüber weiterhin ein Rettungswagen der Bockenemer Wache in der Gemeinde Holle stationiert werden soll, um diese besser abzudecken. Er soll allerdings wieder abgezogen werden und künftig in Bockenem bleiben. Denn: Von Holle aus muss er laut Gutachter öfter über die Kreisgrenze im Raum Baddeckenstedt zur Hilfe eilen. Direkt in Holle, so die Erkenntnis, sei er dadurch weniger verfügbar als von seinem angestammten Platz in Bockenem.

Insgesamt sieht der überarbeitete Bedarfsplan vor, dass ab Juli des kommenden Jahres 35 Rettungsfahrzeuge an den Wachen in Hildesheim, Alfeld, Bockenem, Gronau, Sarstedt, Schellerten und Sehlem bei Lamspringe zusammengerechnet 4262 Stunden pro Woche einsatzbereit sein sollen. Nach erheblicher Kritik der Rettungsdienst-AG und anschließend auch aus der Kreispolitik an dem ersten Gutachten zog die Kreisverwaltung dieses Mitte Januar zurück und beauftragte den Gutachter, es zu überarbeiten. Der schaffte das allerdings nicht rechtzeitig, um den Rettungsdienst kreisweit wie geplant zum 1. Januar 2026 wieder für mehrere Jahre neu auszuschreiben. So wird er für ein halbes Jahr an die bisherigen Anbieter vergeben. Deren Kreis wurde in den vergangenen Monaten durch das Unternehmen Ruhrmedic erweitert, das zwei Rettungswagen im Hildesheimer Stadtgebiet besetzt.

Neues System: Drei verschiedene Arten von Einsatzfahrzeugen

Für die Übergangszeit, bis der neue Bedarfsplan in einem Jahr in Kraft tritt, lautet die Empfehlung: „Sinnvolle Maßnahmen sollen, soweit dies die aktuelle Beauftragung zulässt, bereits vorher umgesetzt werden.“ Die aktuelle Verteilung stieß in den vergangenen Monaten allerdings schon öfter an Grenzen, weil für eingeplante Rettungswagen das Personal fehlte.

Der neue Bedarfsplan setzt auf ein verändertes System: In drei verschiedenen Arten von Einsatzfahrzeugen – Rettungswagen, Notfallkrankentransportwagen und reinen Krankenwagen – sollen die jeweiligen Fachkräfte entsprechend ihrer Qualifikation gezielter eingesetzt werden. Hochqualifizierte Notfallsanitäter sollen demnach keine problemlosen Krankenfahrten mehr begleiten. Mehrzweckfahrzeuge für alle Einsatzarten soll es nicht mehr geben.

AG Rettungsdienst der Notfallsanitäter bleibt skeptisch

So ist der zusätzliche Rettungswagen in Alfeld auch nur für Notfälle vorgesehen. Und – werden die neu berechneten Kapazitäten künftig ausreichen? Die AG Rettungsdienst, ein eingetragener Verein, zeigt sich in einer ersten Reaktion weiter skeptisch. Die AG ist dabei, aus den aktuellen Daten die Hilfsfristen für die einzelnen Gemeinden zu berechnen, und will sich in einigen Tagen konkreter äußern.

In der Kreispolitik steht der überarbeitete Bedarfsplan in der kommenden Woche am Donnerstag, 12. Juni, ab 16 Uhr im Kreishaus in einer Sitzung des Fachausschusses für Verkehrssicherheit, Verbraucher- und Bevölkerungsschutz auf der Tagesordnung.

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