Kreis Hildesheim - Die Hilfsfrist, also die Zeit, in der ein erstes Rettungsfahrzeug in Notfällen den Patienten oder die Patientin erreicht, war im ersten Halbjahr in den Städten und Gemeinden des Landkreises Hildesheim sehr unterschiedlich. Das geht aus vertraulichen Monatsberichten des von Stadt und Landkreis betriebenen Institutes für Notfallmedizin hervor, die der Redaktion vorliegen. Kreisweit soll Hilfe, so die Vorgabe des Landes, in 95 Prozent aller Fälle innerhalb von 15 Minuten am Ziel sein. In Freden ist das allerdings nur bei 41,9 Prozent der Notfalleinsätze der Fall, in Duingen bei 63,6 Prozent, in Holle bei 64,8 Prozent sowie in Algermissen und im von Hildesheim mit versorgten Delligsen jeweils bei 73,2 Prozent. Diese fünf Gemeinden sind in dem Papier auch rot markiert – dort ist die Versorgung quasi im roten Bereich.
Relativ gut steht die Stadt Hildesheim mit 95,8 Prozent da. Über der 95er Marke liegen ansonsten nur Schellerten, das Standort einer Rettungswache ist, und Eime, das besonders dicht an der Gronauer Wache liegt.
Unterschiede sind besonders nachts extrem
Besonders extrem sind die Unterschiede abends und nachts: Für den Zeitraum zwischen 19 Uhr abends und 7 Uhr morgens weist eine gesonderte Statistik für Freden nur eine Hilfsfrist von 17,4 Prozent aus, den zweitschlechtesten Wert hat in dieser Übersicht die Gemeinde Holle mit 50 Prozent. Unter 80 Prozent liegen außerdem Algermissen, Delligsen, Diekholzen, Duingen, Lamspringe, Nordstemmen und Sibbesse. In Hildesheim, wo es im Stadtgebiet mehrere Rettungswachen gibt, wird die Hilfsfrist nachts sogar in 96,5 Prozent aller Notfälle eingehalten.
Auf eine einheitliche Verbesserung der Hilfsfrist haben vor allem die CDU-Kreistagsfraktion und die AG Rettungsdienst Hildesheim, in der sich Notfallsanitäter als Verein zusammengeschlossen haben, immer wieder gedrängt. Sie forderten unter anderem eine Veröffentlichung der genannten Daten für die einzelnen Kommunen. Der Forderung kam das Kreishaus allerdings nicht nach – die Statistiken erreichten die Redaktion auf anderem Weg.
Wißmann: Neuer Bedarfsplan soll Defizite ausgleichen
Was sagt die Kreisverwaltung zu den großen Unterschieden zwischen den Kommunen? Die zuständige Dezernentin Evelin Wißmann weist darauf hin, dass der kürzlich beschlossene neue Bedarfsplan die Defizite künftig ausgleichen soll – zum einen durch ein neues System von Fahrzeugen und Besatzungen, zum anderen auch durch einen anderen Zuschnitt der Zuständigkeitsbereiche der Rettungswachen in Hildesheim, Alfeld, Bockenem, Gronau, Sarstedt, Schellerten und Sehlem bei Lamspringe. Was die Systemumstellung betrifft, gehen die Meinungen allerdings wie mehrfach berichtet weit auseinander: Die AG und Teile der Kreispolitik fürchten, dass sich die die Versorgung eher noch verschlechtern wird, weil die besonders gut ausgebildeten Notfallsanitäter und -sanitäterinnen auf weniger Fahrzeugen konzentriert werden. Dass die gesetzlichen Vorgaben zur Hilfsfrist künftig weiterhin verfehlt werden, soll laut Wißmann künftig auch ein gezieltes Controlling verhindern.
Die Dezernentin zeigt sich überzeugt, dass die Versorgung durch den neuen Bedarfsplan deutlich besser wird, gibt aber auch zu bedenken: Die gesetzliche Vorgabe zur Hilfsfrist beziehe sich nur auf den Landkreis als Gesamtheit. „In jeder Ecke des Kreisgebietes gleich schnell zu sein“, sagt sie, „wird der Rettungsdienst niemals leisten können.“ Da stoße auch die Finanzierung durch die Krankenkassen an Grenzen.
Schließlich erinnert Wißmann an eine Einschätzung, die Prof. Dr. Georg von Knobelsdorff als Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreistag zur Hilfsfrist abgab: Sie habe medizinisch längst nicht die Bedeutung, die ihr rechtlich beigemessen werde: „Die 15 Minuten“, bekräftigt Wißmann, „entscheiden nicht über Leben und Tod.“
